Merkmale einer Scham basierten Familie und wie Veränderung geschehen kann

von | Feb. 6, 2020 | Familienleben, Persönliches wachstum | 0 Kommentare

Beschreibung des Begriffs „Familie basierend auf Scham“.

Vor ein paar Wochen schrieb ich eine Arbeit über Familie für meine 3-jährige Seelsorge-Schule. Es sollte eine Arbeit über meinen persönlichen Weg sein, und darüber handeln, was ich aus den verschiedenen Lektüren gelernt hatte.
In den nächsten Artikeln werde ich etwas von dieser Arbeit wiedergeben, natürlich angepasst für die Öffentlichkeit. Zitate aus Büchern sind nummeriert und unten am Text wiederzufinden.

Ich habe mich zum Thema Scham und Familie entschieden, weil ich in den vergangenen Jahren  sehr mit diesem Thema konfrontiert wurde. Konfrontiert mit der Scham, die ich tief in mir trug und die mein ganzes Wesen, die Wahrnehmung vom Leben und die damit verbundenen Emotionen beeinflusste.
Ich wusste, dass ich aus einem dysfunktionalen Zuhause kam. Doch in den letzten Monaten wurde mir klar, dass meine dysfunktionale Familie auf Scham gegründet war und ich ebenfalls.

Meiner Beobachtung nach ist Scham meistens – wenn nicht immer – eine Realität, die tief im System einer dysfunktionalen Familie verwurzelt ist.

Die Autoren Merle A. Fossum und Marilyn J. Mason definieren in ihrem Buch „Aber keiner darf’s erfahren“ Scham wie folgt:

“Unsere Definition von Scham bezieht sich auf eine so schmerzliche Demütigung, eine so überwältigende Verlegenheit und ein Gefühl so tiefer Entwürdigung, dass die betroffene Person glaubt, in Grund und Boden zu versinken. Scham betrifft das gesamte Selbst und den Selbstwert des Menschen. „ [1]

Um es ein wenig ausführlicher zu beschreiben,

„Scham ist ein inneres Gefühl der völligen Herabwürdigung und Unzulänglichkeit als Person. Sie ist das Selbst, das das Selbst verurteilt. Ein Augenblick, in dem man Scham erlebt, kann eine so schmerzliche Demütigung oder so tiefe Entwürdigung bedeuten, dass man das Gefühl hat, seiner Würde beraubt zu sein oder als im Grunde unzulänglich, schlecht und ablehnenswert blossgestellt zu werden. Wenn das Schamgefühlt vorherrscht, so geht man stets von der Prämisse aus, man sei als Mensch grundsätzlich schlecht, unzulänglich, mit Fehlern behaftet, wertlos oder minderwertig.“ [2]

Es gibt drei Stufen der Scham: äußerliche, von Generation zu Generation vererbte und aufrechterhaltene. [3]
Äußere Scham ist ein Ereignis, oft traumatisch, das die Familie öffentlich blossstellt und erniedrigt.
Das Geschehen kann eine Veruntreuung oder eine Kündigung sein, die zum Verlust des Familienstolzes führt, bis hin zu einem expliziten sexuellen Übergriff in der Familie.
Der Schutz des Familiengeheimnisses vor äußerer Scham führt zu einer über Generationen vererbten Scham. Erhaltene Scham stellt sich als das klinische Problem dar.
Es ist die anhaltende schambezogene Dynamik, welche die Scham in der Familie aufrechterhält, und zum zwischenmenschlichen Muster wird.

Um das Ganze zu veranschaulichen, habe ich eine Geschichte erfunden, die diese Dynamiken der Scham etwas veranschaulichen sollte:

Es war einmal eine traditionelle, amerikanische Familie – Mutter, Vater und drei Kinder. Die Kinder der Familie waren bereits erwachsen und hatten selbst ihre eigenen Familien.
Jährlich trafen sie sich zum gemeinsamen Weihnachtsfest – und natürlich durfte dabei der prall gefüllte Truthahn nicht fehlen.
In den vergangenen Jahren hatte sich die Mutter jeweils um den Einkauf und die Zubereitung des Truthahns gekümmert.

Doch dieses Jahr war es anders: Der Vater, war nun Pensioniert und somit hatten sie ein kleineres Einkommen als zuvor. Über den Familien-Chat wurde eifrig darüber geredet, wie die Kosten dieses Jahr aufgeteilt werden sollten und wer den Truthahn zubereiten würde.
Alle waren sich einig: Mutters Truthahn ist der beste. Gerne willigte sie ein, diesen auch dieses Jahr zuzubereiten. Dabei erfuhren die Kinder, dass die Mutter den Truthahn jeweils bei einem Bio-Händler gekauft hatte; der Kilopreis war 10x höher als der Preis eines „normalen“ Truthahns.
Shannon, das mittlere Kind, war schockiert.

 „So viel Geld für Fleisch auszugeben finde ich irrsinnig!“

Die beiden anderen Geschwister waren offen, zu besprechen, welche anderen Möglichkeiten es gäbe.

„Es gibt gerade eine Aktion bei dieser Ladenkette“

meinte Jerry, das jüngste Kind. Robert, der älteste, war sich nicht so sicher.

„Wir haben es doch schon immer so gemacht, und ich denke, einmal im Jahr können wir gut so viel Geld fürs Essen ausgeben!

Nun klinkte sich der Vater in den Chat ein:

„Ich finde es traurig, wenn ihr an Weihnachten nur billiges Fleisch essen wollt. Gerade für meine Grosskinder! Sie sollen auch gutes Fleisch essen dürfen. Wenn ihr den Truthahn in einer dieser billigen Ladenketten einkauft, dann esse ich diese Weihnachten vegetarisch!“

Mit dieser Aussage stockte der Redefluss in der Chat-Gruppe. Die Kinder kannten ihren Vater und wussten: Für ihn war seine Meinung die einzige, die zählt. Wer sich ihm nicht unterordnete, war rebellisch, aufmüpfig und würde mit Verachtung bestraft. Weihnachten würde mit dieser negativen Stimmung gefüllt sein. Schliesslich nahm Jerry seinen ganzen Mut zusammen und erklärte dem Vater freundlich wieso es ihnen als Geschwister egal wäre, welches Fleisch sie essen würden und dass ihnen vor allem die Gemeinschaft, das beisammen sein, wichtig sei.

Ein paar Stunden später schrieb die Mutter eine private Nachricht an Jerry und klagte ihn an, weil sein Vater wegen seiner „genervten  Antwort“ in ein depressives Loch gefallen sei. Sie fände das gar nicht richtig, dass seine Kinder so mit ihrem Vater umgingen. Er habe es doch nur gut gemeint und sei für seine Grosskinder eingestanden.

Im letzten Artikel beschrieb ich die 5 Freiheiten, und erklärte, wieso ich glaube,

„dass eine gesunde und funktionierende Familie eine Familie ist, in der jedes Familienmitglied diese fünf Freiheiten ausleben kann. Es geht dabei um die Möglichkeit, die uns zur Verfügung stehenden Kräfte frei und konstruktiv auszuüben.“

Wie wir in dieser Geschichten gesehen haben, wurden alle fünf dieser Freiheiten missachtet:

  • Die Freiheit, das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist,
    anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
  • Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke,
    und nicht das, was von mir erwartet wird.
  • Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
    und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
  • Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
    anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
  • Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
    anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.

Familiäre Interaktionen werden Tag täglich so oder ähnlich in Familien, die von Scham geprägt sind, erlebt. Weil es richtig schwierig ist, solche Dynamiken zu durchschauen, möchte ich in diesem Artikel anhand der erzählten Geschichte acht Regeln einer auf Scham basierenden Familie erklären. Wir werden hier die 4 ersten Punkte anschauen, und im nächsten Artikel die vier weiteren ansehen.

John Bradshaw [4]erklärt:

„Die expliziten Regeln in einer dysfunktionalen Familie sind diejenigen der schwarzen Pädagogik. Eltern werden dysfunktional aufgrund dieser falschen Regeln, die in ihrer eigenen Psyche eingebettet sind. Auf diesen Regeln beruht die Haltung der Eltern zu sich selbst. Ohne sie zu hinterfragen oder zu aktualisieren, geben sie sie an ihre Kinder weiter.

Sehen wir uns nun mal diese Merkmale einer auf Scham basierenden Familie an: 

Die acht Regeln einer Scham basierenden Familie:

  1. Kontrolle
  2. Perfektionismus
  3. Beschuldigen = Vorwurf = Kritik
  4. Verleugnung
  5. Unzuverlässigkeit.
  6. Nichtlösung der Probleme
  7. Das Schweigen
  8. Disqualifizierung

[4] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.129

  1. Kontrolle

Die persönlichen Interaktionen, Gefühle und Verhaltensweisen müssen jederzeit kontrolliert werden. Die Kontrollversessenheit ist eine ernste Form der Entmündigung des menschlichen Willens.[5]
Diese Kontrolle kann durch die rigide Kontrolle eines oder mehrerer Familienmitglieder über die anderen in einer tyrannischen Art und Weise erfolgen. Mitglieder ohne Kontrolle leben in Widerwille oder gar Furcht vor denen mit der Macht. [6]
Was uns die erwähnte Geschichte nur erahnen lässt, werde ich für das Verständnis dieses Punktes noch etwas ausschreiben.

Nehmen wir an, der Vater dieser Geschichte funktionierte genauso. Er reagierte immer mit dieser Autoritären Haltung. Alle beugten sich unter der Macht seiner emotionalen und geistigen Wellen der Kontrolle, die sich aus Härte, Starrheit, Scham, Schuldzuweisungen und Depressionen zusammensetzten.

Solche Menschen können sich meistens selber weder spüren noch können sie sich selbst leiden.
Sie versuchen immer, zu überleben, „die Kontrolle zu behalten“, während sie sich überfordert und als Versager fühlen.

Isabelle Filliozat sagt dazu:

„Wenn ein Mensch sich des Respekts nicht würdig fühlt, verlangt er Achtung und Respekt, ohne aber Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen. Die Person hat keine natürliche Autorität, sondern versucht, Macht auf andere auszuüben, mit dem Versuch, ihrem Blick auszuweichen.[7]

[5] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.130
[6] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.119
[7] I.Filliozat, Il n’y a pas de parent parfait, 2008, p.83

2.Perfektionismus

Immer „richtig“ sein. Das „richtige“ tun.[8] „Das Grundprinzip des Lebens in einer perfektionistischen Familie basiert auf Angst und dem Versuch, keine Fehler zu machen. Die Mitglieder leben nach einem nach aussen projizierten Bild“. [9] Mit der Regel des Perfektionismus sehen wir oft Menschen, die ängstlich vermeiden, was in ihren Augen schlecht, falsch oder mangelhaft ist.[10]

In einer solchen Familie ist schon nur der Gedanke, etwas anderes zu probieren, ein Fortschritt. Oft wagt es niemand, solche Ideen zu äussern, da keiner die abwertende Haltung und Ablehnung der  anderen Personen (in unserer Geschichte der Vater) auf sich ziehen will. Niemand will der oder die Böse sein.

3.Anschuldigung = Vorwurf = Kritik. Wenn etwas nicht wie geplant läuft, gib jemandem die Schuld dafür (dir selbst oder einem Anderen). Schuldzuweisungen sind in einer schamgebundenen Familie und in allen Beziehungen, die eine starke Schamkomponente enthalten, allgegenwärtig. Die Schuldzuweisung kann unmissverständlich sein, wie in der Botschaft: „Wenn du nicht wärst, wäre ich glücklich.“ Oft wird aber die Schuld als etwas anderes maskiert.[11]

Es ist doch schon erstaunlich und auch traurig, wie solch ein Austausch über das Fleisch eine Familie in einen solchen Konflikt bringen kann und den Vater dieser Geschichte schlussendlich in ein depressives Loch zu stürzen vermag, während das Kind auf die Anklagebank gesetzt wird?

  1. Verleugnung oder Verweigerung der 5 Freiheiten

Diese Regel steht im Einklang mit der Regel des Perfektionismus. „Du solltest nicht so denken, wünschen, dir vorstellen, beobachten oder hören, wie du es tust. Du sollst so denken, wünschen, vorstellen, beobachten oder hören, wie es das perfektionistische Ideal verlangt. »[12] Gefühle, Gedanken oder Erfahrungen, die den anhaltenden Notstand der Familie betonen, sollten nicht offen ausgesprochen werden.[13] Angst, Furcht, Einsamkeit, Trauer, Ablehnung, Bedürftigkeit und Sorge sind Gefühle, die in einer solchen Familie verboten sind. [14]

In den meisten Fällen wissen die Familienmitglieder gar nicht, was sie eigentlich fühlen. Sie funktionieren nach diesen unausgesprochenen Regeln und sind sich gar nicht bewusst, was in ihrem inneren abläuft. In dem obigen Beispiel gab die Mutter ihrem Sohn die Schuld, dass er es gewagt hatte, dem Vater zu sagen, was er wirklich denkt. Natürlich. Eine Mutter, gefangen in der Scham basierten Dynamik, ist unfähig zu sagen:

„Ich bin verängstigt, machtlos und einsam, wenn dein Vater durch diese Situation wieder in das Loch der Depression fällt!“

Ihr einziger Weg, mit solchen Gefühlen umzugehen, ist durch Schuldzuweisung (siehe Regel Nr.3):

„Warum warst du so hart zu deinem Vater? Durch deine Schuld fühlt er sich schlecht!“

Im nächsten Artikel werden wir die 4 weiteren Punkte im Licht dieser Geschichte ansehen, und auch sehen, wie diese Punkte im Kontrast du den 5 Freiheiten stehen. Ich glaube dass das erkennen einer solchen Dynamik – sei es die Erinnerung an die eigene Kindheit oder die Realität der aktuellen Familiendynamik – der erste Schritt ist, um einen Prozess der Veränderung anzugehen.

Im darauf folgenden Artikel werde ich dann auf ein Diagram zu sprechen kommen, das uns helfen wird, zu erkennen wo wir stehen und wie wir uns von dort in Richtung „gesunde Familie“ bewegen können.

[1] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.18
[2] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.25
[3] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.19
[4] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.129
[5] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.130
[6] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.119
[7] I.Filliozat, Il n’y a pas de parent parfait, 2008, p.83

[8] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.122
[9] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.123
[10] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.123
[11] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.126
[12] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.131
[13] J.Bradshaw, la famille, 2004, p.131
[14] Fossum/Mason Scham und Selbstwertgefühl in Familien S.129

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