Perfekte Familien? Gesunde und gut funktionierende Familien!
Hast du auch schon Familien gesehen, die von aussen perfekt erschienen?
Familien, die auch beim näher kennenlernen eine wohlige Atmosphäre und ein Gefühl der Liebe, Annahme, Respekt und Entspanntheit ausstrahlen?
Wir wissen ja alle, dass es keine „perfekten“ Familien gibt.
Und doch habe ich schon Familien getroffen, bei denen ich eine Art „Perfektion“ empfand.
Ich habe mich immer gewundert, wie das möglich sei. Auch ich wollte ja eine Familie gründen, bei der diese wohlige Atmosphäre zu finden ist!
Ich wusste, dass diese Art von Perfektion, die ich in diesen Familien wahrnahm, nichts mit der Abwesenheit von Fehlern, Schwächen oder Unzulänglichkeiten zu tun hatte. Die Eltern machten nicht alles richtig. Die Kinder waren ganz „normale“ Kinder mit ihren einzigartigen Persönlichkeiten und Herausforderungen.
Es war auch nicht ein spezifischer Erziehungsstil, der soziale Status der Eltern oder ihre finanzielle Situation.
Als ich dann vor einiger Zeit das Buch „The family“ von Bradshaw las, kam ich der Realität so einer Familie etwas auf die Spur.
Er beschrieb die 5 Freiheiten, die Virgina Satir unter anderen Quellen in ihrem Buch „Kontakt finden und Vertrauen gewinnen“ einfach aber eindrücklich beschreibt.
Die 5 Freiheiten
- Die Freiheit, das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist,
anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
- Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke,
und nicht das, was von mir erwartet wird.
- Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
- Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
- Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.
Es wurde mir bewusst, dass in allen Familien, die für mich den „Nachahmeffekt“ hatten, diese fünf Freiheiten – oder wenigstens das Bestreben um diese fünf Freiheiten – zu finden waren.
Gehen wir nun diese 5 Punkte Schritt für Schritt durch:
Die Freiheit, das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist,
anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
Eine solche Familie lebt im hier und jetzt, authentisch und präsent.
Wie oft quälen wir uns mit Fragen wie
„was wäre gewesen, wenn
“ oder „wenn ich gewusst hätte, dann“.
Viele lassen sich durch Schuldgefühle versklaven und verpassen es dadurch, im Hier und Jetzt zu leben.
Es kann aber auch sein, dass wir es verpassen im Hier und Jetzt zu leben, weil wir uns ein Gespräch, das wir vor einigen Tagen hatten, ununterbrochen durch den Kopf gehen lassen. Oder dass wir uns ärgern an einer Situation, die vor einigen Tagen passiert ist und dass wir dadurch schlecht gelaunt und genervt sind.
Oder, wir sehnen uns auf den nächsten Tag. Wir konzentrieren uns darauf, was sein wird, wenn die Kinder grösser sind und wir endlich wieder dem geliebten Beruf, der Ausbildung oder der Freizeitaktivität nachgehen können.
Auf die Zeit, wo wir genug Geld haben werden, um uns das Haus das Auto oder die Badeferien in der Karibik leisten können.
Es gibt Tausende von Dingen die im Morgen liegen. Wenn wir nicht aufpassen, verpassen wir dadurch das Heute – und die ganze Schönheit, die Einzigartigkeit und die Qualitätszeiten, die im „Jetzt“ zu erleben sind.
Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke,
und nicht das, was von mir erwartet wird.
In einer Familie, in der diese Freiheit herrscht, weiss jeder, dass seine Gefühle und Gedanken nicht bewertet werden, sondern dazu dienen, sich tiefer zu kennen und eine authentische Beziehung zu jedem Familienmitglied aufzubauen.
Keiner hat etwas zu verbergen, jeder ist frei, sein wahres Selbst, seine tiefsten Gedanken und Gefühle preis zu geben und in einer Atmosphäre der Liebe, Annahme und des Wohlwollens angenommen zu sein.
Menschen, die gelernt haben in dieser Freiheit zu gehen, haben es nicht nötig, zu verbergen, wer sie wirklich sind, in der Hoffnung, angenommen zu werden. Sie haben es nicht nötig, durch falsche Bescheidenheit oder Demut anderen zu gefallen.
Wie dieser Punkt in einer Familie konkret anwendbar ist?
Ich glaube, es beginnt mit uns, den Erwachsenen im Leben der Kinder, die uns anvertraut sind.
In meiner Familie waren die Gedanken und Gefühle von uns Kindern weder erwünscht noch hatten sie ein Recht, zu existieren. Es war für mich ein langer Prozess, in diese Freiheit einzutreten, meine Gedanken und Gefühle mitzuteilen und den Mut zu haben, dafür gerade zu stehen. Diese Webseite, auf der ich wöchentlich meine Gedanken und Gefühle preisgebe – unterstützt und beschleunigt diesen Prozess.
Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
Diese Freiheit führt den oberen Punkt weiter, geht noch etwas tiefer.
Wie reagieren wir, wenn wir mit der Wut eines Kindes konfrontiert sind? Oder mit der Angst? Was machen wir mit dem Übermut und der Ausgelassenheit unserer Kinder – gerade wenn wir einfach nur müde sind und unsere Ruhe brauchten?
In einer Familie, in der jeder zu seinen Gefühlen stehen darf, gibt es die ganze Palette der Gefühle. Jede einzelne Emotion hat seine Gültigkeit, sie muss nicht verdrängt oder blockiert werden, aus Angst, dass man weniger geliebt und angenommen ist, wenn man diese ausdrückt.
Die Gefühlswelt, die jeder von uns in sich trägt, ist eine Landkarte, die uns nicht nur hilft, zu entdecken, wer wir sind, sondern auch andere zu verstehen. Denn wenn wir nicht wissen, wie andere fühlen, wird es schwierig sein, auf ihre Bedürfnisse in unserer Beziehung zu ihnen zu reagieren und umgekehrt.
Es gäbe noch viel zu sagen zu diesem Thema, denn oft werden Kinder, unabhängig von ihrem Alter missverstanden und für ihre Gefühle bestraft oder abgelehnt. Aus dem einfachen Grund, dass viele von uns Erwachsenen nicht gelernt haben, Gefühle wahrzunehmen, dazu zu stehen – und konstruktiv damit umzugehen.
Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
Ich liebe es, wenn unsere Kinder freimütig zu uns kommen und ihre Bitten anbringen. Je nach Wunsch und Alter gehen wir auch darauf ein.
Das Wichtigste ist, dass sie wissen, dass wir sie nie für ihre Wünsche demütigen oder beschämen werden. Wir wollen ihnen diese Freiheit geben, zu lernen, selbstständig zu denken und ihre Bedürfnisse zu spüren und auszudrücken.
Auch hier fängt es bei uns Erwachsenen an, die wir Vorbilder sind.
Im Moment ist Benny viel am Arbeiten. Vor einem Monat ist er mit seinem Geschäft umgezogen und hat nun jede Menge zu tun.
Vieles bleibt an mir hängen. Ich könnte dadurch immer frustrierter werden und aus diesem Frust heraus meinen Kindern gegenüber ungeduldig und gereizt reagieren. Ich könnte ihnen sagen, wie nervenaufreibend sie im Moment gerade sind. Oder aber, ich nehme mein Bedürfnis nach einer Pause wahr, und nehme mir die Freiheit, dieses Bedürfnis auch konstruktiv zu Kommunizieren.
„Benny, ich verstehe, wie streng du es jetzt gerade hast. Aber ich brauche wirklich eine Pause. Können wir nicht ein wenig Zeit rausnehmen, um als Familie ein paar entspannte Tage miteinander zu verbringen?“
Wir tun dies nun nächste Woche, wenn wir alle zusammen spontan für ein paar Tage in die Ferien fahren.
Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.
Stell dir vor du hast eine Lieblingsschokolade und willst auf Nummer sicher gehen, dass diese nie ausverkauft ist, wenn du gerade Nachschub brauchst.
„Auf Nummer sicher gehen“ kann nun in dieser Situation bedeuten, dass du das Regal leerkaufst, und immer wieder Nachschub besorgst, lange, bevor deine Reserve aufgebraucht ist.
In eigener Verantwortung ein Risiko eingehen bedeutet hier, dass du nur so viel kaufst, wie du bis zum nächsten Einkauf auch essen magst. Und wenn es dann gerade keine hat? Nun, dann wagst du etwas Neues und probierst eine andere Schokolade.
Du übernimmst Verantwortung und traust dich, in Freiheit zu gehen und dabei ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen.
Du fühlst dich nicht als Opfer, auch wenn dein Schokoladenvorrat mal aufgebraucht ist, sondern du hast den Mut, dein Leben in die Hände zu nehmen und etwas anderes zu probieren.
Das Leben – und auch gerade das Familienleben ist voll von solchen Situationen.
Wir möchten unseren Kindern beibringen, dass es ok ist, gut bedachtes Risiko einzugehen. Dass Versagen auch eine neue Chance bedeuten kann und dass Probleme ein Sprungbrett für Wachstum sind.
Ich wage zu sagen, dass eine gesunde und funktionierende Familie eine Familie ist, in der jedes Familienmitglied diese fünf Freiheiten ausleben kann.
Es geht dabei um die Möglichkeit, die uns zur Verfügung stehenden Kräfte frei und konstruktiv auszuüben.
- Diese 5 Freiheiten erlauben es jedem einzelnen Familienmitglied, in seinem wahren Wesen zu leben und sich der Welt zu stellen, während es seine eigenen Bedürfnisse berücksichtigt.
- Diese 5 Freiheiten richten sich gegen jedes perfektionistische System, das den Wert des einzelnen Menschen nach dessen Verhalten beurteilen will.
- Diese 5 Freiheiten auszuleben bedeutet, dass ich meine Gefühle, Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse frei kommunizieren darf. Die Kunst ist es, dies auf eine Konstruktive und auferbauende Art und Weise zu tun.
„Ich fühle mich gestresst und frustriert und brauche eine Pause“ ist viel besser als „du bist so egoistisch und denkst nur an dich“!!
Mein persönlicher Wunsch ist es, unsere Kinder zu lehren, verantwortungs- und kraftvoll in diesen 5 Freiheiten zu wandeln, sie auf ihr eigenes Leben anzuwenden und in ihrem Umfeld zu leben.
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