Das befreite Gewissen – im Leben eines Erwachsenen

von | Nov 12, 2018 | Erziehung, Glaubens Impulse, Persönliches wachstum

Persönliche Gedanken und Anwendung zu einem besuchten Vortrag über Erziehung, gehalten von Heinz Etter Teil 3

Wenn ich mir mein eigenes Leben anschaue, erinnere ich mich, wie es sich anfühlt, für meine “Missetaten” bestraft, beschuldigt und beschämt zu werden. Unabhängig davon, ob es sich dabei um “absichtliche” Dinge handelte oder ob sie einfach auf meinen damaligen Entwicklungsstand zurückzuführen waren.

In diesem Artikel erzählte ich, wie ich Kirschen von einem Nachbarn “gestohlen” hatte.

Ich war etwa 7 oder 8 Jahre alt und wollte meine Eltern mit diesen Kirschen beschenken, wobei ich die Tatsache ignorierte, dass die Kirschen, mit denen ich meinen Korb gefüllt hatte, nicht unsere waren.

Mein Vater war aufgebracht und empört. Es war nicht nur ein hoher Wert für ihn, Kinder zu haben, die gehorchen, sondern noch mehr, Kinder zu haben, die nach den gleichen hohen moralischen Standards leben, die er hatte.

Und jetzt hatte er eine Tochter, die eine Diebin war!

Er ignorierte völlig mein Herz, um meine Eltern zu beschenken. Dazu hatte er natürlich noch nie über die “Entwicklungsstufen eines Kindes” gehört. Alles, was er sah, war die Tatsache, dass ich gestohlen hatte, dass mein Gewissen anscheinend nicht einwandfrei funktionierte.

Er nahm mich an der Hand und zog mich, verärgert und skandalisiert, zu diesem Nachbarn, wo ich den Korb, gefüllt mit diesen Kirschen, übergeben und gestehen musste, was ich getan hatte.

Ich erinnere mich nicht an die Antwort des Nachbarn. Was in meiner Erinnerung blieb, war mein inneres Gefühl als dieses kleine Mädchen, das sich so böse und schuldig fühlte – und tief verwirrt war. Das war überhaupt nicht meine Absicht gewesen! Ich wollte meine Eltern beschenken. Ich wollte ihnen meine Liebe zeigen. Ich hatte nicht erwartet, mich am Ende falsch, schuldig und böse zu fühlen!

Zurück zum Thema, wie wir UNSER latentes schlechtes Gewissen loswerden können, das wir manchmal durch unser ganzes Erwachsensein hindurch tragen. Dieser Teil von uns, der die Botschaft erhalten hat: “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Irgendwas stimmt nicht mit mir”?!!

Wie ich Ihnen in der obigen Geschichte zeigen möchte, bilden solche Geschichten unser Verständnis nicht nur im Sinne davon, wer wir sind, sondern auch davon, wie wir dieses Verständnis weiter vermitteln.

Heinz Etter wies darauf hin, dass das ganze Thema eine geistliche Dimension hat.

Wie “Die Pädagogik ein grundlegendes Werkzeug ist, um die befreiende Liebe Gottes zu vermitteln.  Aber wie die Pädagogik auch das grundlegende Werkzeug sein kann, um Kindern ein völlig falsches Bild von Gott zu vermitteln – von dem aus uns dieses latente schlechte Gewissen bis ins Erwachsenenalter begleitet”.

Das ist tatsächlich so.

Alles, was mein Vater wollte, war, aus mir einen guten Bürger zu machen, der die Grundsätze und Regeln unserer Gesellschaft (und der Bibel) kennt. Eine erwachsene Frau, die einen moralischen Kompass hat, der funktioniert.

Ich stimme der Aussage von Heinz Etter voll und ganz zu:

“Psychologisch gesehen ist es fast unmöglich, solche Prägungen abzuschütteln”.

So gut die Ansätze aus der Psychologie auch sein können, so gut diese in gewissen Bereichen helfen können, so sind sie in anderen Bereichen limitiert und können höchstens helfen, mit einem Zustand umzugehen, anstatt diesen zu verändern.

Wenn das Problem jedoch geistlich ist, muss die Lösung auch geistlich sein.

Ich bin so dankbar, dass Gott mir diese Situation in einer Zeit des Gebets in Erinnerung gerufen hat.

In meinen inneren Augen “sah” ich diese Situation noch einmal, konnte fühlen, wie ich mich damals fühlte, als wäre ich wieder mitten in dieser Situation. Nur dieses Mal war Jesus da, um diesen Korb mit Kirschen zu empfangen. Er nahm den Korb, lächelte mich mit so viel Liebe und Zärtlichkeit in seinen Augen an – und sagte diesem kleinen Mädchen, das ich damals war: “Danke Jeanne, danke für deine Liebe. Ich liebe dein Herz! Du bist wunderbar! Dann fügte er – mit Humor und Sanftmut – hinzu: Aber weisst du, eigentlich sollte man keine Kirschen vom Baum eines Nachbarn pflücken….”

Gott ist so gut und er hat so viele Möglichkeiten, uns zu helfen, solche Prägungen loszuwerden.
Manchmal macht er es wie in der Geschichte mit den Kirschen.
Indem ich diese lächelnde, liebevolle Reaktion Jesu auf den Empfang dieses Kirschkorbes während meiner Gebetszeit erlebte, kam in diesem Bereich Freiheit in mein Leben.
Statt Scham und Schuld, kam Liebe und Akzeptanz in diese Erinnerung.

Dies prägte mein Verständnis davon, wie wir unsere Kinder behandeln:

In unserer Familie konzentrieren wir uns nicht auf den Gehorsam und das gute Verhalten unserer Kinder.

Wir haben einen hohen Standard an Manieren und Moral. Wir wollen Kinder, die sich gut benehmen, Kinder mit einem moralischen Kompass, die bis zu ihrer Jugendzeit gut etabliert sind. 

Wir geraten jedoch nicht in Panik, wenn wir sie dabei erwischen, wie sie sich unangemessen verhalten oder gegen unsere “moralischen Standards” verstossen. Stattdessen setzen wir all unsere Energie und Aufmerksamkeit darauf, die Herzen unserer Kinder zu erreichen, diese Verbindung zu stärken, zu verstehen, wer sie sind und was für sie wichtig ist.

Ich glaube, es ist nicht überheblich, zu sagen, dass unsere Kinder frei von Angst sind. Sie haben ein Gefühl der Sicherheit. Sie sind bestrebt, die Dinge auf die richtige Weise zu machen. Wir lieben es, sie aufblühen zu sehen. Und oft, besonders in Zeiten, in denen sie sich unangemessen verhalten, erinnern wir sie daran, dass sie geliebt und einzigartig für uns und für Gott sind. 

Damit kommen wir auf die letzte Frage zurück, die in diesem Vortrag gestellt wurde:

Wie können wir UNSER latentes schlechtes Gewissen loswerden, das wir unser ganzes Leben lang bis ins Erwachsenenalter hinein getragen haben? Wie können wir diesem Teil von uns helfen, der die Botschaft erhalten hat:  “Wenn ich das tue, was mir richtig erscheint, ist es falsch. Irgendwas stimmt nicht mit mir”?!!

 Wie ich bereits sagte, wenn das Problem geistlich ist, muss die Lösung auch geistlich sein.

Manchmal verändert Gott unsere Realität, indem er uns SEINE Sichtweise auf das Thema auf die oben beschriebene Weise zeigt.

Manchmal ist es ein Prozess, der zu durchlaufen ist.

Nach meiner Erfahrung ist der schwierigste Teil, dieses latente schlechte Gewissen loszuwerden, vom Versuch wegzukommen, besser zu sein, als man von sich selber denkt.

Lassen Sie mich erklären:

Wenn Ihr Gedächtnis (oft auf einer unbewussten Ebene) voller Situationen ist, in denen Ihnen als Kind gesagt wurde, dass Sie ein “böses Mädchen” oder ein “böser Junge” sind, Situationen, in denen Sie jedes Mal beschämt und beschuldigt wurden, wenn Sie etwas Unangemessenes getan hatten, ist es mehr als normal, dass Sie an dem Gefühl festhalten, das böse Mädchen oder der böse Junge zu sein – und das durch Ihr ganzes Erwachsensein hindurch. Dieses latente schlechte Gewissen wird Teil der Art und Weise, wie Sie sich fühlen.

So hatte ich immer den Drang, mich gut zu präsentieren, während ich dieses schlechte Gewissen in mir hatte. Dies, während ich für die Menschen um mich herum bereits völlig in Ordnung war. Ich zerstörte dabei oft mehr, als ich der Sache half, indem ich versuchte, mich vorteilhaft zu präsentieren. 

In meinem Leben war das erste, was sich ändern musste, meine Identität.

Ich musste glauben, dass ich nicht dieses rebellische Mädchen war, böse und schuldig. Ich musste glauben, dass ich ein Segen für die Menschen um mich herum sein konnte, nicht nur eine Herausforderung und ein Unruhestifter.

Die Psychologie konnte mich nicht dorthin bringen, weil die Theorie die persönliche Erfahrung nicht besiegen wird.

Stattdessen war es Gottes Gnade (welche in Wirklichkeit Seine Kraft ist, die in uns und durch uns auf dieser Erde wirkt), die es für mich tat. Und wie ich oben beschrieben habe, kann der Prozess von Person zu Person total unterschiedlich sein. Weil Gottes Kreativität endlos ist, hat Er so viele Möglichkeiten. Aber das Gute ist, wenn wir uns für Seine Liebe öffnen und Ihn um Hilfe bitten, wird Er uns nie im Stich lassen. Er ist so gut. 

Am Ende ist es ein fortlaufender Prozess. Es gibt Zeiten in meinem Leben, auch heute noch, in denen mich ein latentes, schleichendes Gefühl über mich selber einholen möchte. Ein Gefühl, das mich unter Druck setzt, will mein Verhalten steuern.

Einer dieser Momente ist zum Beispiel eine Sitzung, an der ich einmal im Jahr teilnehmen muss. Irgendwie zeigt sich in diesem Umfeld immer noch das Gefühl der Unzulänglichkeit und Unsicherheit auf.

Nun – ich weiss jeweils, wie ich mich in diesem Meeting fühlen werde. Trotzdem beschliesse ich, zu gehen. Ich erinnere mich daran, wer ich bin und wie ich diesen anderen Teilnehmern ein Segen sein kann. Wenn ich dort bin, erlaube ich mir nicht, gleich nach dem Meeting nach Hause zu gehen. Ich bleibe, um mit denen zu plaudern, wo sich eine Gelegenheit auftut. Auf diese Weise stelle ich sicher, dass ich im Prozess von Veränderung und Wachstum bleibe. Ich erkenne an, wie ich mich fühle, lasse mich aber gleichzeitig nicht von diesem Gefühl beherrschen. Ich sehe mich selbst mit dem Humor und der Liebe an, von dem ich heute weiss, dass Gott mich so ansieht. Ich sage mir selbst:

“Es ist in Ordnung, dass du dich so fühlst. Aber du weisst, dass das nicht die Wahrheit über dich und dein Umfeld ist.”

Und damit bleibe ich an der Sitzung.

Die Auseinandersetzung mit der Realität dieses latenten Gefühls kann herausfordernd, manchmal sogar schmerzhaft sein.

Aber es ist den Prozess wert. Und Gottes Gnade ist gegenwärtig, denn Er ist bestrebt, uns immer mehr in Seine Freiheit zu führen.

Pin It on Pinterest

Share This

Share This

Share this post with your friends!

%d Bloggern gefällt das: