Wie ich letzte Woche meine Kinder zu ihrem Glück zwingen musste

von | Jul 13, 2019 | Erziehung, Familienleben | 2 Kommentare

Ich weiss wie ich meine Kinder glücklich machen kann.
Schokolade für unser Mädchen, das Erlaubnis, am Computer „Rollercoaster Tycoon“ zu spielen für unseren Grössten, einen Ausflug ins Dino-Museum für unseren Dritten… ich könnte eine ganze Liste der Wünsche meiner Kinder hier auflisten.

Und ehrlich gesagt, liebe ich die strahlenden Augen meiner Kinder, wenn einer ihrer Wünsche in Erfüllung gegangen ist.

Realität ist, wir leben in einer Überflussgesellschaft, wo solchen Wünschen ohne grossen Aufwand nachgegangen werden kann. Für die meisten von uns kommt es nicht darauf an, ob das Kind ein oder zwei Eis am Tag isst, ob die gewünschte Hose ein paar Franken mehr oder weniger kostet – oder ob das Kind Geburtstag hat oder nicht, um ihm das heiss ersehnte Spielzeug zu kaufen.

Ich träumte als Kind davon, nur halb so viel Playmobil zu besitzen, wie es meine Kinder tun…

Umso interessanter waren für mich die vergangenen Tage.

Meine Schwester und ich unternahmen mit unseren Kindern einen mehrtägigen Ausflug in die Berge. Wir konnten in einer Alphütte von Freunden – wo im Frühjahr und Herbst Kühe im Stall untergebracht werden – für ein paar Tage wohnen.

Nachdem wir ein paar Kilometer die Serpentinen Bergstrasse hinaufgefahren waren – froh, dass unser Auto so einen starken Motor hat – waren wir bei der Ankunft überwältigt von der Schönheit dieses Ortes.

Die Alphütte war sehr einfach ausgestattet, das Plumpsklo ausserhalb der Hütte und der Holzofen waren der einzige Luxus, den wir dort vorfanden.

Ich liebe solche Orte.  Sie kreieren in mir ein Glücksgefühl und ein staunen über die Schönheit der Schöpfung.

Für die Kinder war die erste Stunde in Ordnung. Da konnten sie den Heuboden entdecken auf dem wir schlafen würden, die nahe Umgebung erkunden und das Plumpsklo ausprobieren.

Aber dann, ja dann kam die Langeweile auf, vor allem bei den grösseren Kindern.

„Mami, ich weiss nicht mehr was spielen!“

„Mami, mir ist langweilig!“

„Mami, können wir auf deinem Smartphone Pink Panther schauen?“

„Mami, das Plumpsklo stinkt! Wieso konnten wir nicht unser eigenes Klo mitnehmen?„

Alles aussagen von unseren Kindern, die meine Schwester und ich mit mehr oder weniger Humor und Verständnis beantworteten, bzw. verneinten.

So spielten die Kinder Uno, zeichneten und spielten im Heuboden, aber immer mit diesem Gefühl von:

„Eigentlich ist es mir langweilig, aber ich habe ja keine Wahl.“

 

Am nächsten Tag konnten wir auf einer anderen Alp Bauern zusehen, wie sie Käse auf dem Feuer machten. Wir konnten an einem wunderschönen Grillplatz den Nachmittag verbringen. Als es schliesslich Abend wurde, brachten wir komplett ausgewechselte Kinder in die Alphütte zurück.

Kein Wort mehr von Langweile.

Fangen, Verstecken, Zug spielen, mit kleinen Ästen, Moos und Steinen eine Landschaft für die paar Gummitierchen, die wir mitgebracht hatten, kreieren… auf einmal schienen die Möglichkeiten grenzenlos und der Spassfaktor riesig zu sein. Die Kinder spielten friedlich, tobten sich aus und assen mit Kohldampf das Essen – frisch zubereitet auf dem Feuer.

 

Im Alltag geht dieses Gefühl der Langeweile fast unter. Das Leben ist stark strukturiert und auch wenn wir darauf achten, dass die Tage nicht zu verplant sind, gibt es kaum Momente, in denen Langeweile aufkommen kann. Auch wenn mir bewusst ist, dass Langeweile keine Bedrohung für das Kind ist sondern im Gegenteil – eine Quelle der Kreativität und Ruhe ist – sind  gibt es selten so eine perfekte Umgebung wie wir sie in diesen Tagen in den Bergen erlebt hatten.

Auf einmal war alles interessant und zu neuen Erfindungen zu gebrauchen: Ein flacher, rechteckiger Stein verwandelte sich plötzlich zu einem Smartphone, die Blätter einer Klette zu einem Bett für das Plüschtier. Für den Bergbach wurde eine Brücke errichtet, das Heu zu einer Höhle geformt und der Gitterrost am Boden des Stalles zu einem Spielplatz wo man wunderbar Fangen spielen konnte.

 

 

Mir ist dabei von Neuem bewusst geworden, wie gut Kindern ein reduzierter Aktivitätenplan tun kann. Die dabei aufkommende Langeweile hat aus unseren Kindern eine Kreativität heraus gelockt, welche ich in diesem Masse schon lange nicht mehr an ihnen gesehen hatte.

 

Ein faszinierendes Erlebnis! Ich werde mich in Zukunft vermehrt darauf achten, solche Voraussetzungen für meine Kinder zu schaffen.

 

2 Kommentare

  1. Heinz Etter

    Wie erfrischend. Vielen Dank, Jeanne, ja es ist ein unsichtbarer Plan in unserer Welt, uns so mit Angeboten zuzumüllen, dass wir uns selber dabei verlieren. Herzliche Grüsse aus dem sonnigen Pura, wo wir diese Woche unser neues Seminar aufzeichnen. lg Heinz

    Antworten
    • Jeanne

      Herzlichen Dank für deine Worte und eine erfolgreiche, schöne Zeit wünsche ich euch!!

      Antworten

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