Der Einfluss von Bindung auf Familienwerte

von | Nov. 14, 2019 | Erziehung, Familienleben, Persönliches wachstum | 0 Kommentare

Als unser Mädchen etwa drei Jahre alt war, hatte sie einen sehr unabhängigen Charakter.
Sie war ein glückliches kleines Mädchen, aber sie brauchte uns nicht, wie es schien.
Wenn wir spazieren gingen, lief sie vor oder hinter uns. Sie kam nie zum Kuscheln und zeigte sich ziemlich „zäh“ und defensiv in den alltäglichen Begegnungen.
Ich dachte, sie wäre einfach so. Ich dachte, dass sie uns im Gegensatz zu ihrem Bruder nicht so sehr brauchte und dass ihr unabhängiges Verhalten einfach Teil ihrer Persönlichkeit war.

Benny hingegen sah die Dinge klarer.

Eines Tages sagte er zu mir:

„Ich glaube, dass jedes Kind Nähe und Kuscheln braucht, das Gefühl der wahren Zugehörigkeit, diese Bindung an seine Eltern. Schauen wir mal, was passiert, wenn wir anfangen, wirklich in unser geliebtes Mädchen zu investieren.“

Und genau das tat er. Er überschüttete sie mit Qualitätszeiten, kleinen Geschenken und viel Knuddeln. Bei jeder Gelegenheit sagte er ihr, wie sehr er sie liebte und wie wertvoll sie für uns war. Ich trug meinen Teil dazu bei, aber Benny war sehr proaktiv und entschlossen.

Ein paar Monate später hatten wir ein anderes Mädchen.

Sie wurde liebevoll, präsent und verletzlich in unserem täglichen Umgang. Plötzlich spielte es für sie eine Rolle, wie nah sie sich bei uns als ihren Eltern fühlte. Sie kam zum Kuscheln und zeigte sich bekümmert und verletzlich in Zeiten, in denen sie sich ihrer Familie gegenüber distanziert fühlte.

Wir taten alles, was wir konnten, um dieser sichere Ort für sie zu sein, wo ihre Offenheit bestätigt und geschätzt wurde.

Heute, 5 Jahre später, ist uns unser Mädchen immer noch sehr nahe.

Sie liebt es, als Familie zusammen zu sein und ist ein präsenter und aktiver Teil unserer Interaktionen, verletzlich und sensibel für Konflikte oder Enttäuschungen von unserer Seite.

Damals kannten wir die Bedeutung hinter all dem nicht. Wir glaubten nur, dass sich jedes Kind danach sehnt, eng mit seinen Eltern verbunden zu sein – auch wenn es nicht so aussieht.

Heute möchte ich über Bindung sprechen, aber zuerst möchte ich eine Anpassung an der allgemeinen Bedeutung dieses Wortes „Bindung“ vornehmen.

Bindung – und damit“ bindungsorientierte Elternschaft“ (attachment parenting)  – ist für viele Eltern ein umstrittenes Wort.

Einige Eltern fliehen buchstäblich, wenn sie dieses Wort hören.

Ganz einfach, weil es mit viel Druck, überfordernden Erwartungen und Regeln untergraben wurde, die man befolgen muss, wenn man ein „guter“ Elternteil sein will – um das Konzept “ attachment parenting“ zu erfüllen.

Ich spreche hier allerdings nicht von einer solchen Theorie der Bindung.

Vielmehr spreche ich vom Bedürfnis jedes Menschen, zu lieben und geliebt zu werden.
Ich spreche vom Bedürfnis jedes Menschen, an zu gehören,  wertvoll zu sein und für jemanden wichtig zu sein.
Dieses von Gott gegebene Bedürfnis – und die Kunst des Lebens, auf gesunde Weise verbunden zu sein.

Seit ich mich mit dem Thema Co-Abhängigkeit (mit anderen Worten: Beziehungssucht, emotionale Abhängigkeit) und der gesamten Realität, die mit diesem Thema einhergeht, beschäftige – wie das Festhalten an toxischen und missbrauchenden Beziehungen – erkenne ich immer mehr, wie universell dieses Bedürfnis ist.

Warum in aller Welt sollte irgend jemand von uns in einer destruktiven Beziehung bleiben? Warum neigen Mädchen, die aus den Krallen ihres „Loverboys“ gerettet wurden, dazu, in diese Hölle zurückzukehren? Warum folgen Menschen Gurus, von denen jeder von aussen erkennen kann, dass sie trügerische und arrogante Menschen sind? Warum folgen Teenager oder auch jüngere Kinder ihren Freunden (die so unreif und bedürftig sind wie sie selbst) und nicht ihren Eltern?

Nun, hier kommen wir auf das Thema der Bindung zurück.

In diesem Artikel habe ich geschrieben, wie….

„Es Gott gewesen ist, der uns mit dem Bedürfnis geschaffen hat, zu lieben und geliebt zu werden.

Es ein legitimes Bedürfnis ist, das von der Wiege bis zur Bahre erfüllt werden muss.

Wenn Kindern die Liebe entzogen wird – wenn dieses ursprüngliche Bedürfnis nach Liebe nicht befriedigt wird – tragen sie die Narben fürs Leben.

Die Erfüllung des Bedürfnisses, geliebt zu werden, ist von entscheidender Bedeutung, auch wenn Babys zu jung sind, um ein abstraktes Verständnis dafür zu entwickeln. Du kannst einem Baby nicht einfach „Ich liebe dich“ sagen, wenn du an der Krippe vorbei schlenderst. Du musst Liebe auf nonverbale Weise vermitteln, die das Kind von Natur aus versteht. Kuscheln, knuddeln und mit dem Baby reden sind genauso wichtig wie Wärme und Essen. (…) Säuglinge können buchstäblich sterben, wenn sie der Liebe beraubt werden.“

Aus diesem Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden, ist Bindung weit mehr als ein Erziehungsstil.

Sie liegt im Herzen eines jeden Menschen – aber als solche ist sie auch weit vom Bewusstsein entfernt.
Du wirst nie hören, wie dir dein Kind sagt:

Mami, Papi, ich will mit dir verbunden sein!

Das Gefühl der Verbundenheit gibt dem Kind jedoch ein Orientierungsgefühl, wie ein innerer Kompass.

Das erklärt Neufeld in seinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns!„:

„Beim Aufbau einer Bindung wird zur Orientierung zunächst einmal die Bezugsperson auf dem inneren Kompass markiert. Solange das Kind sich in Bezug auf diesen Orientierungspunkt orten kann, wird es sich nicht verloren vorkommen. Instinkte, die im Kind aktiviert werden, drängen es, diesen aktiven Orientierungspunkt immer in seiner Nähe zu halten. Die Bindung ermöglicht es Kindern, sich Erwachsenen anzuschliessen, die, zumindest in der Vorstellung eines Kindes, besser in der Lage sind, sich zu orientieren und zurechtzufinden. Am meisten, mehr noch als vor körperlichen Verletzungen, fürchten sich Kinder vor der Orientierungslosigkeit, die sie erfahren, wenn sie den Kontakt zu ihrem Orientierungspunkt verlieren. Orientierungslücken, Situationen, in  denen wir nichts und niemanden zur Orientierung finden, sind für das menschliche Gehirn unerträglich.
Sogar Erwachsene mit verhältnismässiger guter Selbstorientierung können sich ohne Kontakt zu dem Menschen, der in ihrem Leben als Orientierungspunkt fungiert, etwas verloren vorkommen. „

Als ich diese Zeilen vor einigen Jahren las, begann ich zu verstehen, welche Kraft die Menschen (und nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene mit diesem unbefriedigten Bedürfnis nach Bindung) zurück in zerstörerische Beziehungen zieht, sie für „offensichtliche“ Anzeichen von Manipulation blendet und sie bei Freunden hält, die nicht gut für sie sind.

Es ist dieses Bedürfnis nach Bindung, dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, dieses Bedürfnis nach Orientierung: ein Gefühl dafür zu haben, wer sie sind, was real ist, warum Dinge passieren, was gut ist, was Dinge bedeuten.

Ich erinnere mich, wie ich mich fühlte, als ich im Alter von 16 Jahren mein zu Hause verliess; meine Eltern waren froh, dass ich, der trotzige und rebellische Teenager, von zu Hause auszog. Ich wusste, dass ich auf mich allein gestellt war. Von meinen Eltern hatte ich gelernt, dass ich nichts wert bin, dass diese Welt gefährlich ist, gefüllt mit Menschen, denen man nicht vertrauen kann. Dass es einen Gott gibt, der mich mit Strenge beobachtete. So war ich da, allein in dieser grossen Welt, völlig desorientiert und verloren, schämte mich, ich selbst zu sein, und sehnte mich nach Bindung und Wert. 

Ich machte es ziemlich gut…. ausser, dass ich eine sehr starke Co-Abhängigkeit zu den wenigen Menschen entwickelte, von denen ich dachte, dass sie sicher wären und mir Bindung, Bedeutung und Liebe geben könnten.

Ich danke Gott, dass das alles „gute“ Menschen ohne böse Absichten waren. Wenn ich von der „Lover Boy Masche“ lese, erschaudere ich bei dem Gedanken, was mir mit so jemandem passiert wäre.

Aber zurück zur Bindung:

Wenn wir unsere Kinder schützen und führen wollen; wenn wir wollen, dass sie unsere Liebe empfangen, offen und verletzlich für uns sind; müssen wir in diese Beziehung investieren.

In der heutigen Gesellschaft können wir diese Bindung nicht als selbstverständlich ansehen. Wie hier gesagt, Kultur und Werte werden nicht mehr auf natürliche Weise vertikal übertragen; der innere Kompass unserer Kinder kann keine zwei nördlichen Pole haben; wenn wir nicht ihr Norden sind, wird es einen anderen Norden in ihrem Leben geben. Der Wettbewerb findet auf der horizontalen Ebene statt, durch Philosophien, die unseren Kindern durch soziale Medien, Musik, Fernsehen, Werbung usw. vermittelt werden. 

Deshalb müssen wir uns dieser Notwendigkeit der Bindung bewusst sein und sie entschlossen wahrnehmen.

Gordon Neufeld erklärt uns, wie es sechs Ebene der Bindung gibt; ein Baby muss nicht so behandelt werden wie ein Kind, das zur Schule geht.

In dem eben erwähnten Artikel schreibe ich

Wir werden schauen, wie wir einem Kind helfen können, zu dieser Reife zu gelangen, welche die Grundlage für eine feste und gesunde Bindung wird – vom Kind zu uns, seiner primären Bezugsperson.

Dies, indem wir sicher stellen, dass jede dieser Stufen der Bindungen zu unseren Kindern stark ist, stärken wir ihre natürliche Neigung, unserem Beispiel zu folgen und mit uns zusammenzuarbeiten.

In diesem Artikel schreibe ich über die sechs Stufen der Bindung; ich schildere, was sie sind, und in Teil zwei dieses Artikels habe ich geschrieben, wie man die fehlenden Ebenen repariert. (Ja, das ist möglich!)

Ich hoffe, dass dieser kurze Artikel dir ein besseres Verständnis für das Prinzip der „Bindung“ gibt. In den nächsten drei Artikeln werde ich darauf aufbauen und erklären, was ich vor ein paar Wochen bei einem Online-Webinar mit Dr. Gordon Neufeld gelernt habe. Wir werden darüber sprechen, warum unsere Kinder dazu neigen, stark auf den Alltag zu reagieren, und was wir tun können, um sie zu unterstützen, sie zu beruhigen und auf dieser Bindung aufzubauen, anstatt sie abzureissen.

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