Was unser Jüngster für Ähnlichkeiten mit einem Chihuahua hatte
Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch mit Heinz Etter, einem absoluten Fachmann auf dem Gebiet der Kindererziehung.
Ich liebe es, seine Erkenntnisse über die Herausforderungen zu hören, denen wir bei der Erziehung unserer Kinder gegenüberstehen. Er hat diese besondere Fähigkeit, nicht nur die Situation, die ich sehe, zu verstehen, sondern auch Dinge aufzuzeigen, die ich nicht sehe.
Das passierte bei diesem Gespräch auch wieder.
Ich erzählte ihm eine Konflikt – Situation, die in letzter Zeit immer wieder mit unseren beiden Jüngsten vorgefallen war.
Meine Frage war, wie – und ob – ich für mein zweites Kind in solchen Situationen eingreifen sollte.
Er schaute mich an und sagte:
Ich verstehe, was du sagst, aber ich denke, dass das, was man sich ansehen sollte, eher ist, wie du mit deinen Jüngsten reagierst!
Ich war neugierig, seine Gedanken zu hören.
Er erklärte mir, dass das Verhalten meines Jüngsten dem Verhalten des kleinen Chihuahua-Hundes seiner Tochter ähnelte.
„Diese kleinen Hunde fühlen sich stark und mächtig. Auch wenn sie zu den Kleinsten ihrer Gattung gehören – in ihren Köpfen sind sie der Boss. Und wenn es passiert, dass sie nicht der Boss sein können, sondern von ihren Artgenossen unter die Räder kommen, dann laufen sie zu ihrem Besitzer um Hilfe und Schutz. Und der Besitzer rettet seinen kleinen Hund.“
Ich musste lachen.
Ein perfekter Vergleich!
So verhält sich mein Kleiner…. und … so verhalte ich mich!
Viele Situationen kamen mir sofort in den Sinn:
Seine drei Geschwister spielen mit Playmobil. Der Jüngste will sich ihnen anschließen. Sie wollen ihn dort nicht, da er nicht wirklich mitspielt, sondern sein eigenes Ding macht, was oft ihr Spiel stört und unterbricht.
Wenn sie ihm sagen, dass er gehen soll, will er das natürlich nicht.
Ihre Lösung ist dann, ihn aus dem Raum zu vertreiben.
So rennt er dann zu mir und weint:
„Mami, sie haben mich aus dem Zimmer gejagt“….
Ich nahm in Vergangenheit jeweils meinen kleinen Jungen an der Hand, und zusammen gingen wir in den Raum, in dem seine Geschwister spielten.
„Was passiert hier?“ fragte ich normalerweise
„Nun, er unterbricht unser Spiel, es macht keinen Spaß, mit ihm zu spielen!“
Nun, wisst ihr, er ist noch klein. Ihr müsst ein wenig Geduld mit ihm haben. Ich will nicht, dass ihr euren kleinen Bruder ausschließt!“
„Aber Mami…..!“
Und schon war ich weg, mit dem Gefühl, meine Mission erfüllt zu haben.
Heinz Etter sagte mir folgendes dazu:
„Dein Kleinster weiss ganz genau, dass er sich seinen Geschwistern nicht unterordnen muss. Er tut was ihm gefällt – und wenn er das nicht mehr tun kann, weil er die grösseren Geschwister beim Spiel stört, so holt er dich, und hat dann diese Superkraft hinter sich.“
Ich lachte ertappt auf.
„Ich würde dir empfehlen, die natürliche Hierarchie walten zu lassen. Sein Platz unter den Geschwistern sollte auf der untersten Hierarchiestufe sein. Seine Aufgabe ist, sich seinen älteren Geschwistern unterzuordnen.
Die Geschwister haben keine Verpflichtung, ihn mitspielen zu lassen. Wenn er (wie im erwähnten Beispiel bei den Playmobil) mitspielen möchte, so muss er die anderen Fragen. Wenn diese ihm sagen:„Du darfst mit diesem Ponyhof spielen und musst die anderen Sachen in Ruhe lassen…“,
so muss er sich dem unterordnen, oder er muss etwas komplett anderes, an einem ganz anderen Ort spielen.
Es ist eine ungünstige Haltung als Mutter, einzuschreiten und die grösseren Geschwister zu verpflichten, ihn mitspielen zu lassen.“
Dann fügte er hinzu:
„Genauso zieht man kleine Narzissten auf. Kinder, die sich an keinem Ort unterordnen müssen und keine natürliche Grenzen zu spüren bekommen“.
Ich verstand genau was er meinte.
Unser kleiner Schatz benahm sich wirklich wie ein kleiner Chihuahua, der das Gefühl hat, sich alles erlauben zu können – und alle Rechte zu besitzen. Wenn ihm etwas im Weg stand, so kam er jeweils zu mir für Schutz und Hilfe.
Und das gab ich ihm auch.
Nach diesem Gespräch waren wir ermutigt, unsere neuen Einsichten umzusetzen.
Beim Nachtessen besprachen wir mit unseren Kindern, was wir realisiert hatten.
- Wir stellten die Hierarchie unter den Kindern wieder her
Wir teilten unseren Kindern mit, dass unser Jüngster ab sofort nicht mehr „der Boss“ sei. Sie fanden das Beispiel mit dem kleinen Hündchen, das der Boss sein will, (und zu Mami rennt wenn er es nicht mehr sein kann) sehr einleuchtend und witzig.
… - Wir gaben den älteren Kindern ihre Rechte zurück
Wir liessen unsere Kinder wissen, dass sie das Recht haben, dem Jüngeren Grenzen zu setzen, so wie zum Beispiel „Du darfst mitspielen, aber du musst diese Playmobil hier nehmen. Wenn du das nicht willst, musst du woanders spielen gehen“.
Ich informierte sie, dass ich in Zukunft nicht mehr eingreifen werde, indem ich ihnen sage, sie müssten ihn mitspielen lassen.
Unterdessen sind schon ein paar Wochen vergangen und wir konnten grosse Veränderung in der Dynamik unter den Geschwistern beobachten.
Etliche Male griffen wir das Thema wieder auf. Es gab Momente, wo die grösseren Geschwister ihre „Rechte“ auf unerwünschte Weise umgesetzt hatten. Wie zum Beispiel:
„Gibt mir jetzt dieses Buch, ich bin der Ältere, ich bestimme.“
Dann konnten wir darauf eingehen, wieso dies nicht so gemeint ist und andere Möglichkeiten und Reaktionen mit ihnen erörtern.
Denn bei all den Massnahmen, die wir ergriffen haben, um unseren Kleinsten an seine Grenzen kommen zu lassen, ist es uns wichtig, dass er gerade dann unsere Wärme und Annahme spürt. Er ist ein sehr sanfter und offenherziger Junge und diese Eigenschaften sind so kostbar, dass wir sie nicht aufs Spiel setzen möchten.
Da war zum Beispiel diese Szene beim Mittagstisch.
Dort singen wir jeweils ein Tischlied.
Bis jetzt sind wir meistens auf den Wunsch unseres Jüngsten eingegangen, da es für ihn sehr wichtig ist, welches Lied wir singen, und er seine Wünsche jeweils lauthals kund tut.
Nun haben wir unsere Herangehensweise geändert und jedes Kind darf mal entscheiden.Wenn dies nun Wut und Frustration in ihm auslöst, ändert dies nichts an unserer Liederwahl.
Aber wir zeigen ihm Wärme und Annahme, statt ihn für seine Reaktion zu ermahnen oder sogar zu strafen.Meistens dauert seine Trauer dann ein paar Minuten – bis er sich wieder aufrafft und bald schon ein zufriedener Esser am Tisch ist, der sich beim allgemeinen Austausch rege beteiligt.
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