Wie im letzten Artikel erwähnt, habe ich vor kurzem an einem Webinar – einem Online-Seminar – teilgenommen, das live aus Kanada präsentiert wurde.

Der Sprecher war Gordon Neufeld und der Titel: “ Schwierige Kinder verstehen“.

Viele Erkenntnisse, Offenbarungen und wichtige Informationen wurden in diesen 90 Minuten zusammengetragen.

Im letzten Artikel sahen wir die Grundlagen über die Metapher des Eisbergs.

In diesem Artikel werden wir die Antwort auf die Frage „Wie kann ich die Trennung, der mein Kind ausgesetzt ist, reduzieren“ anhand einiger praktischer Beispiele sehen.

Warum wir Bindung nicht als Waffe gegen unsere Kinder anwenden sollten

von | Nov. 28, 2019 | Erziehung | 1 Kommentar

Während dieses Webinars erklärte uns Neufeld die Bedeutung dieses emotionalen Tsunamis, der bei Kindern ausbricht, wenn wir sie mit Trennung konfrontieren – wie diese im letzten Artikel erwähnte Situation wo unser Kleinkind nicht mitkommen will, wenn wir es rufen. Also gehen wir weg, verstecken uns irgendwo und tun so, als ob wir ohne das Kind gegangen wären.

 

Dadurch werden wir einen emotionalen Tsunami im Leben dieses Kindes verursachen.

Er half uns, die Punkte zwischen dieser Alltagsgeschichte und dem Thema des Vortrags „schwierige Kinder verstehen“ zu verbinden.

 Kommen wir gleich zu dieser Geschichte:

 Stellen Sie sich eine Mutter vor, die mit ihrem 3 Jahre alten Mädchen namens Cecilia auf einem Spielplatz ist. Es ist Zeit nach Hause zu gehen und die Mutter sagt ihrem Kind:

„Wir müssen jetzt wirklich gehen; ich habe dir vor fünf Minuten gesagt, dass du nur noch ein paar Minuten zu spielen hast, bevor wir gehen“.

Aber Cecilia weigert sich. Sie liebt es, auf dem Spielplatz zu spielen.

Die Mutter, intuitiv wie sie ist, nutzt ihre ultimative Trumpfkarte.

Sie sagt zu ihrem Mädchen: „Ok, ich gehe! Mami geht nach Hause.“

 

Sie geht weg und versteckt sich hinter einem Baum.

Ich glaube, dass wir das alle auf die eine oder andere Weise getan haben, und wahrscheinlich wissen die meisten von uns, was als nächstes passiert:

Indem sie weggeht und sich versteckt, verursacht die Mutter einen emotionalen Tsunami im Leben ihrer Tochter.

Cecilia weint und schreit:

„Ich komme, ich komme, ich komme, Mama, warte!“ –

Die Mutter kommt aus ihrem Versteck und Cecilia rennt zu ihr und klammert sich an ihr fest.

Schauen wir im Lichte dessen, was wir im letzten Artikel gesehen haben, an, was hier passiert ist:

Indem sie wegging und sich versteckte, drängte sie ihre Tochter genau in das hinein, was der grösste innere Stress verursacht: Sie konfrontierte ihre Tochter mit Trennung

Neufeld erklärt, warum dies so ist:

„Die Konfrontation mit der Trennung ist für alle Menschen sehr stressig, denn Bindung ist gleichbedeutend mit Überleben. Das ist unser oberstes Bedürfnis. So ist unser Gehirn erschaffen. Bei allen von uns mit einem limbischen System und einem emotionalen Gehirn geht es um Nähe, und Zusammengehörigkeit.“

Die Mutter von Cecilia überlegte zufrieden:

„Oh, es hat funktioniert; ich habe mein Kind sehr stark provoziert und es schnell dazu gebracht, mit mir zu kommen!“

Natürlich verursachen wir grosse Emotionen, wenn wir ein Kind mit dem Gefühl der Trennung konfrontieren. Das Gehirn kommt mit so viel Feedback nicht zurecht  und in solchen Momenten hat unser Gehirn eine Möglichkeit, sich zu schützen: Es stellt das Fühlen der verletzlichen Emotionen ein, wir nennen das auch Panzerung. Die Emotionen sind zwar da, aber sie werden nicht mehr gefühlt, also wahrgenommen.

Zurück zur Geschichte:

Als Cecilia und ihre Mutter nach Hause kommen, ist Cecilia immer noch sehr ängstlich, erfüllt von Frustration und Hektik.

Bald gibt es einen Grund, mit Cecilia zu schimpfen: Sie schlägt ihre jüngere Schwester, ohne jeglichen Grund! …

(so denkt zumindest die Mutter)

 

Bald ist es Zeit für das Schlafengehen, aber Cecilia ist äusserst wachsam. In den letzten sechs Monaten konnte sie allein in ihrem Zimmer schlafen, aber heute Abend scheint sie es nicht zu wollen. Sie steht die ganze Zeit auf, versucht Kontakt aufzunehmen, muss pinkeln gehen oder etwas zu trinken haben – will in Mamas Bett gehen oder vielleicht hat sie ein Monster unter ihrem Bett. Die Frustration der Mutter wächst: Sie hatte einen langen, strengen Tag und sehnt sich danach, eine Pause und etwas Zeit für sich selbst zu haben; alles, was sie sieht, ist dieses schwierige Verhalten.

 

In solchen und ähnlichen Situationen reagieren wir häufig mit der folgenden Art von Disziplin:

 

„Wenn du dich nicht benimmst, werde ich dir dieses Lieblingsspielzeug wegnehmen.“

Wir schauen, was einem Kind wichtig ist, mit anderen Worten, woran es gebunden ist, und dann konfrontieren wir es mit der Trennung, indem wir androhen, es aus disziplinarischen Gründen wegzunehmen.

„Weil du dich nicht benimmst, schicke ich dich auf dein Zimmer!“ –

Dies basiert auf der Tatsache, dass wir diese Vorstellung haben, dass Isolation eine effektive Form der Disziplinierung wäre.

Wir erkennen, dass das, was wir tun, dass unsere Art, mit dem Kind umzugehen, sehr wirksam ist.

Es funktioniert ja auch tatsächlich. Weil wir das Kind mit Trennung konfrontieren, weil Bindung das wichtigste Bedürfnis ist, wird es alles tun, um die Nähe wieder herzustellen. Und wir denken dann, das Kind habe etwas gelernt.

 Wenn wir einem Kind sagen:

„Ich werde dir das wegnehmen“ oder

„Geh in dein Zimmer, wenn du nicht weisst, wie du dich zu benehmen hast“,

frustrieren wir unser Kind noch mehr.

Es ist, als würden wir sagen:

„Oh, ich sehe, es fällt dir wirklich schwer, mit Frustration umzugehen; dann gebe ich dir noch ein wenig mehr Frustration dazu.“

 Wir sehen hier, wie das in Wirklichkeit keinen Sinn ergibt. Wir glauben, dass es genügen würde, das Problemverhalten zu kontrollieren.

Unsere Art, mit diesem Problem umzugehen, erhöht und verstärkt das zugrunde liegende Problem.

  

Wir sind geschaffen für Bindung. Aber viele von uns – und oft mit dem Rat von angesehenen Experten – konfrontieren unsere Kinder mit Trennung, um sie zu disziplinieren. Dies erzeugt eine verstärkte Frustration im Kind, mehr Wut, mehr Schuldgefühle und Scham…. und dann bestrafen wir sie auch noch, weil sie sich „schwierig“ Verhalten.

 

Trennung bedeutet Stress.

Es gibt alle möglichen verborgenen Wege, wie unsere Kinder (und wir selbst) dieser Trennung begegnen. 

Trennung ist ein normaler Teil des Lebens.

Aber unsere Aufgabe als Eltern und Lehrer ist es, die Trennung auf das Unvermeidliche zu reduzieren.

Im nächsten Artikel werden wir genauer sehen, wie dies geschehen kann.

 Am Anfang haben wir uns die Frage gestellt:

„Wie kann ich die Trennung, der mein Kind ausgesetzt ist, reduzieren?“

Die grundlegendste Antwort auf diese Frage ist:

 

Verwende niemals die Bindung gegen das Kind.

 

 

Die Bindung gegen unsere Kinder zu verwenden funktioniert – und zwar ziemlich gut, wie wir in der Geschichte mit Cecilia gesehen haben.

Ein Kind, das denkt, dass wir ohne es weggehen, wird sehr schnell kommen – und je stärker die Bindung mit dem Kind besteht, desto besser funktioniert es.

Das Wegnehmen von Dingen, an die ein Kind gebunden ist, wird ebenfalls als eine Form der Bestrafung funktionieren. 

Wenn wir das jedoch tun, schaffen wir grosse Beunruhigung, Stress und gnadenlose Hektik innerhalb des Kindes.

 

Wir schaffen mehr Emotionen – und weniger Fähigkeit zum Fühlen. Wir nehmen die Möglichkeit, zur Reife zu gelangen. Reife ist jedoch die erste Voraussetzung, um vom „schwierigen Verhalten“ zu einem entspannten und ausgewogenen Verhalten zu gelangen.

Die Bindung mit unserem Kind ist ein äusserst kostbares Gut. Sie bringt die Voraussetzung, dass das Kind entspannt ist und in der Ruhe ankommen kann. Achten wir uns also darauf, diese Bindung nicht zu verspielen, sondern diese zu bestärken und zu pflegen.

 

Im nächsten Artikel werden wir einige Möglichkeiten sehen, wie wir einen Ort für unsere Kinder schaffen können, an dem es sich nach Stresssituationen wieder erholen kann.

 

Mit bestem Dank an Angela Indermaur fürs Durchlesen und revidieren von diesen Artikeln.
Angela Indermaur ist zertifizierte Neufeld Leiterin und berät Sie gerne persönlich oder empfängt Sie im Rahmen ihrer Workshops und Online Seminare.

1 Kommentar

  1. Sandra

    Liebe Jeanne
    Danke für den hilfreichen Artikel

    Liebe Grüsse
    Sandra

    Antworten

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