– Schwierige Kinder verstehen –
Eine Zusammenfassung von einem Online-Webinar, gehalten von Gordon Neufeld Phd.

Schwierige Kinder – ein Blick unter den Eisberg

von | Nov 21, 2019 | Erziehung | 1 Kommentar

Vor einigen Wochen nahm ich an einem Webinar – einem Online-Seminar – teil, das live aus Kanada übertragen wurde.

Der Sprecher war Gordon Neufeld und der Titel war:

Schwierige Kinder verstehen.

Viele Erkenntnisse, Offenbarungen und wichtige Informationen wurden in diesen 90 Minuten zusammengebracht.

In den nächsten drei Artikeln werde ich in einer Zusammenfassung die grundlegenden Erkenntnisse auf den Punkt bringen. In diesem ersten Artikel werde ich die Grundlagen erläutern. In den nächsten beiden Artikeln werde ich mehr auf die Anwendung eingehen.

“Schwierige Kinder verstehen”.

Ganz unabhängig davon, ob wir in der Position der Lehrer oder der Eltern stehen – wir alle haben bei der Erziehung von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten. Einige Kinder sind schwieriger zu führen, zu erreichen und zu erziehen.

Doch woran liegt das? Wieso gibt es Kinder, die sich „schwieriger“ verhalten, als andere?

Auf der Oberfläche dieses Eisbergs sehen wir “schwierige Kinder”. Häufiges Verhalten von solchen Kindern ist:

  • Aggressivität
  • Symptome wie Angst, Obsessionen, Zwang, Unrast, Aufmerksamkeits-Störungen, sich ritzen usw.
  •  Ausflüchte (wie Ruhm, Vermögen, Glücksspiel, Pornografie, Sammeln, etc.)
  • Herrisches oder oppositionelles Verhalten, Narzissmus und Mobbing

    Die meisten von uns, die dieses unangemessene Verhalten sehen, verwenden Konsequenzen und Strafen, nehmen Privilegien und Dinge weg, an die das Kind gebunden ist – um ihm oder ihr beizubringen, sich richtig zu verhalten.

    Wir alle wissen jedoch, dass unter jedem sichtbaren Eisberg das eigentliche Fundament liegt, welches das trägt, was wir oben sehen.

 

Das Gleiche gilt für dieses unangemessene Verhalten.

Neufeld sprach über diesen Eisberg und warf einen Blick auf verschiedene Stockwerke, die dieses Fundament, den versteckten Teil des Eisbergs, bilden.

Machen wir uns also auf den Weg durch diese Stockwerke hindurch, angefangen bei der untersten Ebene, beim Kern des Problems, und dann den Auswirkungen nach, bis ganz nach oben.

  • Auf dem untersten Stockwerk liegt die Ursache von allem: die Trennung

    Wie wir im letzten Artikel gesehen haben, ist Bindung  das wichtigste Bedürfnis des Menschen an sich. Dies gilt speziell für Kinder. Deshalb ist alles was diese Nähe bedroht Stress für ein Kind. Bedrohte Nähe bezeichnen wir auch als Trennung, damit meinen wir aber nicht nur physische Trennung, oft reicht es aus, wenn wir uns Trennung vorstellen, wenn sie angedroht wird, oder wir davon träumen.  

    Für Kinder ist Trennung das schlimmste, was ihnen passieren kann. Ihre Emotionen werden dadurch sehr stark aufgewühlt – im schlimmsten Fall so stark, dass die Kinder sich darin blockieren und überhaupt nicht mehr fühlen können.

Um dies ein wenig zu veranschaulichen, stelle dir ein Kleinkind vor, das nicht mitkommen will, wenn wir es rufen. Also gehen wir weg, verstecken uns irgendwo und tun so, als ob wir ohne das Kind gegangen wären.

Dadurch werden wir einen emotionalen Tsunami im Leben dieses Kindes verursachen. Unser Kleinkind wird weinen und schreien:

“Ich komme, ich komme, ich komme, Mama, warte!”

Bestimmt kann sich jeder und jede von uns an eine Situation erinnern, wo wir Trennung erlebten und welches Gefühl der Verlorenheit dies bei uns auslöste.

In diesem Stockwerk können wir zwei sehr wichtige Realitäten sehen:

  1. erhöhte, starke Emotionen
  2. festgefahren sein in der Trennung
  • Die emotionale Tsunami-Reaktion, wie sie oben beim Kleinkind beschrieben wird, ist darauf zurückzuführen, dass für jeden Menschen Trennung die ultimative Stressreaktion provoziert.

Daher ist Stress gleichbedeutend mit Trennung. Alle Stressfaktoren wie Scheidung, Verlust von Angehörigen, Umzug, Kindertagesstätten, Vernachlässigung, Schlafenszeit, Geheimnisse hüten zu müssen, etc.) haben einen gemeinsamen Nenner: Die Tatsache, dass wir vor der Trennung stehen.

Die Auseinandersetzung mit der Trennung ist sehr belastend und stressig und das gilt für unsere Kinder – aber auch für jeden einzelnen von uns.

Wieso ist das so?

Die grundlegende Antwort ist: Bindung ist für uns alle gleichbedeutend mit dem Überleben. Sie ist das überragende Bedürfnis. So ist unser Gehirn erschaffen worden. Bei uns, die wir ein limbisches System und ein emotionales Gehirn haben, dreht sich alles um Nähe, um Zugehörigkeit und um Bindung. Bindung ist eines der drei grundlegendsten Bedürfnisse, die wir Menschen haben. Und von dort kommt die Essenz des Stresses: die Auseinandersetzung mit der Trennung.

Dies ist auch bei uns Erwachsenen so. Als ich Benny über diesen Sachverhalt erzählte, meinte er, dass er dies bei der Arbeit ebenfalls so erlebe: Im Allgemeinen hat Benny eine enge Beziehung zu Gott. Was auch immer bei der Arbeit geschieht, solange diese wirklich enge Verbindung zu Gott vorhanden ist, wird es diese Emotion des Stresses für ihn schlicht nicht geben, da er sich in Gottes Händen geliebt und geborgen fühlt. Wenn er jedoch keine Zeiten tiefer Verbundenheit mit Gott hatte, ist Stress so viel schneller eine Realität für ihn. In solchen Situationen kann er sich einfach wieder Gott annähern und der innere Stress wird wieder verschwinden. Ist es nicht interessant, wie also das gleiche Prinzip auch in unserer Beziehung zu Gott funktioniert?

Dies gilt nicht nur für die tatsächliche Trennung, sondern auch für die Antizipation, also der Erwartung derselben:

“Mami könnte etwas zustossen”

oder

“Wenn ich Papa mein Geheimnis verrate, liebt er mich vielleicht nicht mehr.”

Deshalb ist es stressig, die Trennung zu antizipieren, auch wenn sie nie stattfinden wird.

 

  • Das Verständnis, dass die Auseinandersetzung mit der Trennung einen hohen Stress beim Kind verursacht, wird uns helfen, zu verstehen, warum es möglich ist, dass der Stress so weit gehen kann, dass zu viele Emotionen entstehen, und dass die Gefühle – zum Schutz – ausgeschaltet werden.

Unser Gehirn ist so konzipiert, dass es nicht mit zu vielen Informationen gleichzeitig umgehen kann und in solchen Situationen beginnt, Gefühle auszuschliessen.

Vor diesem Vortrag war mir gar nicht bewusst, dass Gefühle und Emotionen zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen sind. Beim nachforschen einer gut verständlichen Erklärung bin ich auf diesen Text gestossen und habe ihn für euch übersetzt und eingefügt:

„Viele Menschen sind sich nicht einmal bewusst, dass sie eine Emotion haben. Für sie sind die Emotion und das Bewusstsein davon nicht miteinander verbunden, und sie erkennen nicht einmal, dass sie ängstlich, wütend oder depressiv sind. Ihr emotionaler Zustand muss so beharrlich werden, dass er sie in eine schwere Stimmung versetzt (oder oder dass sie von jemand anderem darauf hingewiesen werden), und dann können sie erkennen: “Oh, Ich vermute, ich war wirklich traurig wegen dieser Situation mit meiner Mutter, oder besorgt über Geld, oder wütend in Bezug auf die Arbeit.

Für viele Menschen gibt es eine Trennung zwischen Emotion und Gefühle; sie sind sich ihrer Emotionen gar nicht bewusst.  Die Emotion ist sicherlich da, und ihr Verhalten spiegeln diese wieder (zumindest für andere), aber sie wissen nichts davon, können diese nicht erkennen und empfinden.”

Die Sache ist die: Wir können tief bewegt und von Emotionen aufgewühlt sein, aber wir spüren diese nicht unbedingt. Das Fühlen von Emotionen ist ein Luxus, den nur Menschen, die sich sicher fühlen, wirklich erleben können.

Denke an das letzte Mal, als du einen Vortrag vor Leuten gehalten hast. Oder das letzte Mal, als du ein wichtiges Treffen hattest und du deswegen ziemlich nervös warst. Hattest du Hunger? Warst du durstig? Spürtest du deine Schmerzen? Höchstwahrscheinlich nicht. In der Zeit, in der du diesen Stress im Inneren spürtest, blieben Gefühle von dir unbemerkt. Das ist nicht weiter schlimm, solange du schon nach kurzer Zeit einen Ort hast, an dem du dich wieder sicher fühlen, und deine Gefühle wieder wahrnehmen kannst.

  • Dies führt uns zum nächsthöheren Stockwerk – das Stockwerk vom Stress.

     

     

    Kinder können in einer Stressreaktion stecken bleiben, durch die sie wegen der vorhandenen Situation der Trennung ihre Gefühle verloren haben.

    Wie ich weiter oben erwähnt habe, erinnere dich an das letzte Mal, als du einen Vortrag halten solltest. Oder an eine Situation, in der du einige Leute treffen musstest und du ziemlich nervös warst” – in solchen Situationen haben wir oft keine Gefühle.

Was passiert, ist, dass das Gehirn bei Stress die Gefühle unterdrückt. Es hat sich herausgestellt, dass Gefühle unsere Fähigkeit, in verletzlichen oder stressigen Umgebungen zu funktionieren, beeinträchtigen. Das Gehirn verschließt sich deshalb diesen Gefühlen. Wenn ein Kind zur Schule geht (die Schule ist für die meisten Kinder stressig), verliert es seine Gefühle, damit es besser funktionieren kann.

Neufeld erklärte, dass dieser Stress an sich nicht das Problem ist.

Wichtig ist nicht, was in der Schule passiert, sondern was nach der Schule passiert. Wir alle haben Situationen, in denen wir unter Stress stehen und unsere Gefühle verlieren, damit wir besser funktionieren können. Das Problem liegt darin, dass viele Kinder in dieser Stressreaktion stecken bleiben. Dies liegt daran, dass sie kein Ende des Tages haben, an dem sich all die Gefühle zurückmelden können. Sie brauchen dringend einen Ort und Menschen um sich herum, wo sie sich sicher fühlen können. Dann können sich ihre Emotionen in einer angemessenen Zeit wieder erholen und die Gefühle zurück kommen.

Dies ist der Schlüssel zu emotionaler Gesundheit und Wohlbefinden – und es ist auch der Schlüssel zur Reife.

Im nächsten Artikel werden wir auf die Details eingehen, wie wir einen sicheren Raum für unser Kind schaffen können. Wie wir ihnen helfen können, dass sich ihre Gefühle in einer angemessenen Zeit wieder erholen.

Dauerhafter Stress führt uns also zum obersten Stockwerk, das direkt unter Wasseroberfläche liegt:

  • Das Stockwerk der Unreife.

    Nur allzu oft bleiben Kinder wegen dauerhaftem Stress und den daraus fehlenden Gefühlen in der Unreife stecken. Denn Gefühle sind der Motor der Reifwerdung!

    Nehmen wir an, das Kind stösst auf eine traurige Situation. Allerdings empfindet das Kind keine Traurigkeit.

    Ein weiteres Gefühl, das oft fehlt, ist das Gefühl der Erfüllung –  oder auch das Gefühl der Sinnlosigkeit für Dinge, die nicht verändert werden können.

Beispiel:

Stelle dir eine Situation vor, in der ein gepanzertes Kind (ein Kind, das nicht in Kontakt mit seinen Gefühlen ist)  gerade die Nachricht erhielt, dass seine geliebte Katze starb, weil sie von einem Auto überfahren wurde. Dieses Kind wird nicht in der Lage sein, seine Gefühle auszudrücken. Es wird weder sichtbare Traurigkeit noch das Gefühl der Vergeblichkeit spüren und ausdrücken können. Vielleicht wird dieses Kind aggressives Verhalten an den Tag legen. Oder sich super ängstlich verhalten, oder es wird sich gegenüber anderen Kindern sehr rechthaberisch verhalten. Denn diese Gefühle der Traurigkeit und der Vergeblichkeit fehlen.

Wir brauchen diese Gefühle jedoch, um zur Reife zu gelangen.

Denn Gefühle spielen eine grosse und wichtige Rolle bei der Entwicklung unseres Reifungsprozesses. Wenn du keine Gefühle hast, hast du den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verloren – denn Gefühle sind der Klebstoff zwischen Ursache und Wirkung.

Reifung kommt nicht durch Lernen oder durch das Denken, sie liegt nicht in der Genetik – sondern sie kommt durch die Fähigkeit, zu fühlen.

Deshalb ist es so wichtig, unseren Kindern zu helfen, dass sie fühlen können.

Dazu gibt es zwei wichtige Fragen zu stellen:

  1. ” Was kann ich tun, damit mein Kind reifen kann?”

Durch die Reduzierung der Trennung wird mein Kind weniger Emotionen haben und gleichzeitig besser fühlen können. Und weil die eigentliche Wurzel des Problems von Kindern mit schwierigem Verhalten nicht verhaltensbedingt, sondern emotional ist, müssen wir auch unter dem Eisberg ansetzen, am Kern des Problems. Durch die Reduzierung von Trennung» wird der Stresslevel des Kindes sinken, die Gefühle werden zurückkommen und unser Kind wird reifen. Als Resultat davon wird das schwierige Verhalten abnehmen.

 

  1. “Wie kann ich meinem Kind einen Ort schaffen, an dem es sich nach Stress-Situationen wieder erholen kann?”

Es gibt Momente, in denen wir die stressige Realität im Leben eines Kindes nicht ändern können. Schule, Umzug oder sogar Scheidung sind Situationen, in denen wir manchmal nicht viel tun können, um den Stress zu beseitigen. Wir können jedoch viel tun, um unseren Kindern einen sicheren Ort zu bieten, an dem sie sich zurücklehnen können, an dem sie fühlen, entspannen und in den Wachstumsprozess eintreten können.

 

Im nächsten Artikel werden wir uns die Antwort auf die erste dieser Fragen ansehen – “Was kann ich tun, damit mein Kind Reife im Bezug auf Trennung entwickeln kann?” In einem dritten Artikel werden wir auf diese weitere, sehr wichtige Frage eingehen: “Wie kann ich meinem Kind einen Ort schaffen, an dem es sich nach einer stressigen Situation wieder erholen kann?“

 

Mit bestem Dank an Angela Indermaur fürs Durchlesen und revidieren von diesen Artikeln.
Angela Indermaur ist zertifizierte Neufeld Leiterin und berät Sie gerne persönlich oder empfängt Sie im Rahmen ihrer Workshops und Online Seminare.

1 Kommentar

  1. Sandra Kern

    Liebe Jeanne
    Dein Artikel ist spannend. Von dieser Sichtweise habe ich es noch nie betrachtet. Vor allem die Erklärung zwischen Gefühlen, Emotionen und Stress bei Kindern.
    Bin echt gespannt auf die weiteren folgenden Erklärungen zu diesem Thema.

    Shalom Sandra

    Antworten

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