Kinder und Technologie – verhindern oder fördern?

von | Mrz 10, 2019 | Erziehung

Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater 1993 den ersten Computer ins Haus brachte.
Ich erinnere mich an die ersten Windows-Versionen, an den kratzenden Ton, wenn wir versuchten, den PC mit dem Internet zu verbinden, unser erster Drucker und wie wir Dokumente auf Disketten speicherten. 
Mein Vater präparierte uns eine alte Schreibmaschine, indem er deren Tasten mit farbigen Punkten überdeckte und uns Kindern sagte, dass wir den Computer benützen dürften, sobald wir das 10-Finger System einwandfrei beherrschten.
Später, im Jahr 1997, kaufte ich mir meinen ersten Amiga 2000.

20 Jahre später hat die Technologie umwerfende Fortschritte gemacht und in diesem Tempo wird es wohl weiter gehen.

Damit stellt sich die brisante Frage:

Welche Haltung sollen wir Eltern zu diesem Thema einnehmen?
Sollen wir unsere Kinder schon möglichst früh in die Welt der Medien einführen, um ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen?
Doch wie sollen wir sie überhaupt in die Welt der Medien einführen, wenn dies ja eigentlich gar nicht “unsere Welt “ist? Wenn unsere Kinder uns mit ihrer Medienkompetenz schon sehr bald überholen, austricksen und “kaltstellen” können?
Und – sollen wir überhaupt versuchen, diese zu unterbinden?  Ist diese Medienkompetenz nicht genau das, was ihnen zu einem erfolgreichen Leben in der modernen Gesellschaft verhelfen wird?

 

Dies war das Thema eines Vortrages, den ich im Rahmen unserer Schule besuchte, mit Referentin Angela Indermaur.

 Ich fand die Thematik höchst spannend und möchte in diesem Artikel kurz einige Gedanken weitergeben, basiert auf dem Vortrag und dem dort erwähnten Buch “Medienmündig: Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen” von Paula Bleckmann.

 

Medienkompetenz oder Medienmündigkeit?

 

Der Begriff Medienkompetenz war mir bekannt. Er ist in aller Munde und wird unter anderem genutzt für die Begründung, wieso man KITA’s und Unterstufen mit Tablets und Computer ausstatten sollte, wieso es wichtig ist, dass Kinder so früh wie möglich Handys und Computer mit unbegrenztem Internetzugang haben, und dass man ihnen nicht dabei im Wege steht, sich früh diese Medienkompetenz anzueignen. Wir als Eltern, Pädagogen und Lehrpersonen werden dazu angehalten unsere Kinder darin zu fördern und zu pushen, damit sie den Anschluss nicht verpassen. 

  • Da gibt es Eltern, die machen genau das, und finden das “alles kein Problem”. Sie freuen sich ab ihren Sprösslingen, denen eine grosse Zukunft zuzuwinken scheint,  weil sie sich zu “Profis” in ihrer Medienkompetenz entwickeln.
  • Manche Eltern sehen es auch als “kein Problem” – weil sie alle Einrichtungen und Apps kennen, um die mediale Welt ihrer Kinder einschränken zu können.

Angela Indermaur hat in ihrem Vortrag einen anderen Weg aufgezeigt, der mich beeindruckt und überzeugt hat:

 

Medienmündigkeit.

 “Mündig ist, wer reife Urteilsfähigkeit erlangt hat, so dass er des Schutzes durch den Vormund nicht mehr bedarf, sondern selbst für sich eintreten, sich selbst schützen kann. ” S.33

 

Stellen wir uns ein 3-Jähriges Kind vor, das wir alleine in den Strassenverkehr lassen, um es seine “eigenen Erfahrungen”  machen zu lassen.
Dies würde uns nicht im Traum einfallen.

Auch würden wir keinen 8-Jährigen ans Steuer eines Autos lassen, sogar wenn wir wüssten, dass er die Kompetenz hätte, ein Auto zu bedienen.

 

Wir alle führen unsere Kinder Schritt für Schritt in die Realität des Strassenverkehrs ein.

Uns allen wäre klar, dass, auch wenn die “Kompetenz” vorhanden wäre, es definitiv an der Reife fehlen würde, sich den vielen Entscheidungen, die das Autofahren mit sich bringt, erfolgreich zu stellen. 

Aber oft werden wir dazu angehalten, genau dies im Bereich der Medien zu tun. Genauer gesagt, scheint es das normalste zu sein, unsere Kinder ohne Schutz und Führung in die Welt des Medialen Grossverkehrs zu schicken. Und das im Namen der “Medienkompetenz”. 

Wenn wir aber die Entwicklungs-Psychologie eines Kindes betrachten, so ist diese Forderung absurd.
“Kompetenz” ist nicht das einzige, was ein Kind braucht, um sich erfolgreich in der Welt der Medien bewegen zu können.

Gehen wir also zurück zum erwähnten Fokus des Vortrages:

Mündigkeit.

 

“Mündigkeit beschreibt den Zustand nach Abschluss einer Entwicklung. Solange das Kind oder der Jugendliche zu jung ist, um seine langfristige Ziele und Bedürfnisse zu reflektieren und sich für deren Berücksichtigung einzusetzen, zu jung, um mögliche Nachteile oder Gefährdungen für seine Entwicklung zu erkennen, wird er unter den Schutz eines Erwachsenen gestellt, der sich für ihn einsetzt und ihn vertritt.” S32 

Und:

 “Mündig ist, wer reife Urteilsfähigkeit erlangt hat, so dass er des Schutzes durch den Vormund nicht mehr bedarf, sondern selbst für sich eintreten, sich selbst schützen kann. ” S.33 

Paula Bleckmann illustriert in ihrem Buch anschaulich, wie Mündigkeit im Bereich der Medien aussehen könnte:

Turm der Medienmündigkeit

1.Sensomotorische Integration

“Sensomotorische Integration bedeutet eine Zusammenführung von Sinneseindrücken (Sensorik) und Bewegungen (Motorik). Neben den fünf klassischen Sinnen Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen zählt man heute noch Eigenbewegungssinn (z. B. Beide Zeigefinger spitzen vor unserer Nase zu treffen – sogar mit geschlossenen Augen), Gleichgewichtssinn, der oben und unten zu unterscheiden hilft und Drehsinn. Er ist es, der macht, dass es uns schwindlig wird, wenn wir uns zu schnell drehen.” S91.

Diese Sinneserfahrung ist, wie wir wissen, in der medialen Welt nicht vorhanden.

Bildschirm-Erfahrungen bedeuten damit eine extreme Verarmung der Erfahrungen des kleinen Kindes – ganz davon abgesehen, dass am Bildschirm die Tiefendimension fehlt, dass man nichts anfassen und schon gar nichts riechen oder schmecken kann. S.80

 

  1. Kommunikationsfähigkeit

 Im zweiten Stockwerk des Turms geht es um den Erwerb der Fähigkeiten, andere Menschen wahrzunehmen und sich mit ihnen zu verständigen.
Eltern, Pädagogen und Lehrpersonen bleiben dafür unersetzlich. “ E-mail, WhatsApp, Briefe, Telefon oder Computerspiele können diesen Reifeprozess nicht ablösen, denn echte Kommunikation beinhaltet Mimik, einen „Austausch im Hin und Her von Botschaften, Mitteilungen, Ausdruck der Persönlichkeit. S.93

 

  1. Eigene Gestaltungskraft entwickeln – Produktionsfähigkeiten.

Paula Bleckmann beschreibt:

„Jedes weisse Blatt kann Gestaltungsspielraum für ein  Kunstwerk sein, jedes kleine Stöckchen kann als Trommelstock Ausgangspunkt für eine kleine musikalische Vorführung werden. Dabei wird Produktionskompetenz geschult, und zwar mit Mitteln, die für kleine Kinder eindeutig mehr Vorteile und weniger Nachteile haben als Film, Fernsehen und PC“ S.95 

Theater spielen, Zeichen, Gestalten, Briefe schreiben, Baum klettern, oder auch eine Radiosendung aufzeichnen, einen Film drehen oder eine CD aufnehmen: all das sind einzigartige Erfahrungen, bei denen Kinder lernen, ein „Nicht-können“ auszuhalten (d.h. Frustrationstoleranz trainieren) und praktische Zusammenhänge zum realen Leben kennenzulernen und zu verstehen.

 

  1. Rezeptionsfähigkeiten

 Wer zuvor Produziert hat (Stufe 3) wird aufmerksamer, bewusster, und aktiver aufnehmen. 

Genauso wie die anderen Stufen kann die Rezeptionsfähigkeit besser in anderen Bereichen geübt werden:
„Lesen geht vor Fernsehen, ein gedrucktes Lexikon vor Google, eine eigene Theateraufführung vor YouTube, ein Gemeinschaftsspiel vor PC-Games„.

 

  1. Kritische Reflexion

„Kritische Reflexion ist die Fähigkeit, auf das eigene Medienverhalten, aber auch auf das Verhalten der ganzen Gesellschaft wie „von aussen“ zu schauen, es zu betrachten und einzuschätzen, zu einem Urteil zu kommen und daraus Konsequenzen für die eigene Handlung zu ziehen.” S.100

Zum Beispiel die Reife zum Gedanken zu haben: „Vor lauter Facebook/PC-Games habe ich gar keine Zeit mehr, mich meinem Hobby zu widmen. Deshalb werde ich meine Zeit am PC in nächster Zeit sehr einschränken“.

 

 

 6. Schnur, die alles zusammenhält: Selektionsfähigkeit.

Man kann nur eine Alternative auswählen, wenn man die Alternativen kennt. Dies bedeutet, nicht nur in der Lage zu sein, zu entscheiden, welches Game man gerade spielen möchte oder ob man lieber auf Facebook, Twitter oder Instagram verweilen möchte. Es geht vielmehr darum, dass sich das Kind seine Alternativen bewusst ist, und es die Reife hat, diese einzubeziehen.

„Will ich wirklich ein Game spielen? Wirklich Zeit auf Social Media verbringen? Ich könnte ja auch ein Buch lesen, nach draussen gehen und spielen, ein Spiel spielen, mit Freunden abmachen oder meinem Hobby nachgehen?“

 

Wie wir bei diesem Medienturm gesehen haben, geht es um viel mehr als Kompetenz. Kompetenz können wir beschleunigen, indem wir unsere Kinder schon in frühesten Alter fördern und pushen. Wenn es nur um Kompetenz gehen würde, so wäre die Haltung von Eltern, Pädagogen und Lernpersonen, unseren Kindern freien Zugang zum Grossverkehr der medialen Welt zu gewähren, zu begrüssen.

Aber wie wir gesehen haben, geht es um viel mehr. Es geht um Mündigkeit. Wie oben schon zitiert, beschreibt Mündigkeit den

„Zustand nach Abschluss einer Entwicklung. Solange das Kind oder der Jugendliche zu jung ist, um seine langfristigen Ziele und Bedürfnisse zu reflektieren und sich für deren Berücksichtigung einzusetzen, zu jung, um mögliche Nachteile oder Gefährdungen für seine Entwicklung zu erkennen, wird er unter den Schutz eines Erwachsenen gestellt, der sich für ihn einsetzt und ihn vertritt.” S33 

Wenn wir ehrlich mit uns selber sind, müssen wir zugeben, dass Kinder und Jugendliche nicht dazu imstande sind, „ihre (wahren) Bedürfnisse zu reflektieren und sich für deren Berücksichtigung einzusetzen“.

 Mündigkeit braucht Zeit. Mündigkeit ist eine Sache der Entwicklung. Diese Entwicklung passiert nicht automatisch mit dem älter werden, sondern muss Stufenweise genährt und gereift werden, wie es Neufeld mit den sechs Ebenen der Bindung eindrucksvoll beschreibt.

Im nächsten Artikel werden wir einen genaueren Blick darauf werfen, wieso Medienmündigkeit weder durch eiserne Kontrolle noch durch eine Haltung entsteht, die dem Kind grenzenlosen Zugang zur medialen Welt gibt.
Wir werden auch auf konkrete Ideen eingehen, wie wir ganz praktisch einen verantwortungsvollen Familienalltag im Bereich von Medien angehen können.

1 Kommentar

  1. Angela Indermaur

    Liebe Jeanne,

    Ganz herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel! Du hast den Vortrag nicht nur zusammengefasst, sondern ihn auch noch ergänzt, z.B. mit Passagen aus dem Buch. Und das alles in so kurzer Zeit! Eine tolle Arbeit! Ich freue mich schon sehr auf den 2. Teil!
    herzlich, Angela Indermaur

    Antworten

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