Weshalb das Bild, das wir über Autorität haben, so wichtig ist 2.Teil
Wie versprochen, werde ich in diesem Artikel ein Beispiel seines Vortrages zugänglich machen, die diese Theorien verkörpern und praktisch aufzeigen, wie diese Art von Autorität aussehen könnte.
Wenn du dieses gern in den Worten von Haim Omer hören möchtest, kannst du dir hier den Vortrag anhören.
Zuerst möchte ich uns aber kurz den letzten Artikel in Erinnerung rufen:
Für viele von uns klar, was wir – Eltern und Lehrer, aber auch unsere westliche Gesellschaft als Ganzes – nicht mehr wollen:
Diese erdrückende Autorität, welche noch in den 50-igern Jahren als „normal“ galt.
Eine Autorität, bei der kein Widerspruch akzeptiert wurde und bei der jedes Vergehen, gross oder klein sofort „korrigiert“ wurde – nicht selten mit einer Tracht Prügel.
Ich fasste zusammen, wie Haim Omer in seinem Vortrag (Die neue Autorität, Teil 1) erklärte, aus welchen Grundwerten diese Art von Autorität bestand, und wie die meisten von uns diese klar ablehnen.
Im Vortrag beschrieb Omer aber auch, wie Pädagogen seit den 70er Jahren immer wieder diesen Traum hatten, den Traum einer Erziehung, in der unsere Kinder ihr „Selbst“ entwickeln können. Dass sie frei von dieser erdrückenden Autorität aufwachsen sollen, in der durch Kontrolle und Kälte Gehorsam erreicht wurde.
Wir sahen, aus welchen Grundwerten diese Art von Erziehung bestand und wie enttäuschend und ernüchternd die Resultate waren die aus über 300 Studien hervorgingen und alle das Gleiche besagten.
Ich teilte mit euch, wie Haim Omer von einer „neuen Autorität“ sprach, eine Autorität die nichts zu tun hat mit dieser erdrückenden, distanzierten und kontrollierenden Umgangsweise die das Wort Autorität verkörpert.
Wie Autorität
- Präsenz statt Distanz bedeuten kann,
- Selbstkontrolle statt Kontrolle,
- Wachsame Sorge statt erdrückende Hierarchie und
- Zeit, Selbstkontrolle und Pflichtbewusstsein statt unmittelbare Strafe in Form einer Tracht Prügel.
Lasst uns nun zum Beispiel gehen:
Ein 14-jähriger Junge ist oft von zu Hause weg. Viele Male kommt er nach Mitternacht zurück, manchmal erst in den frühen Morgenstunden.
Die Eltern haben alles versucht, aber nichts hat irgendeine Erleichterung gebracht. Sie machen sich grosse Sorgen um ihr Kind und fühlen sich gleichzeitig total machtlos, weil alles Drohen, Schimpfen, und sogar Flehen keine Veränderung brachte.
Wie könnte man hier nun die Grundsätze Präsenz, Selbstkontrolle, Wachsame Sorge, Zeit, und Pflichtbewusstsein Praktisch anwenden?
Nun, stellt euch vor, die Eltern vermissen wieder einmal ihren Sohn. Es ist schon spät abends und sie machen sich Sorgen.
Statt einfach machtlos zu warten, bis das Kind heimkommt, starten sie eine „Telefon-Suchaktion“: Sie rufen auf alle ihnen bekannten Nummern an, bei welchen sie vermuten, dass ihr Kind sein könnte. An diesem ersten Abend sind es 10-15 Telefonate. Wann immer sie jemandem am Telefon haben, hinterlassen sie eine Botschaft an ihren Sohn, in dem sie ihm mitteilen, dass sie ihn vermissen und wissen möchten, wo er steckt.
Das ist eine Botschaft von Präsenz:
„Ich bin da und ich bleibe da. Du kannst mich nicht entlassen und dich nicht von mir scheiden lassen. Ich bin da, wenn du Hilfe brauchst und ich bin da wenn du Grenzen brauchst. Ich bin da, wenn für dich meine Präsenz angenehm ist, aber auch wenn sie dir unangenehm ist.„
Am nächsten Tag ist das Kind ausser sich:
„Was habt ihr gemacht?! Ihr habt mein ganzes soziales Netz zerstört!„
Die Eltern erklären dem Kind, dass sie präsent bleiben werden.
„Gut, wenn das so ist, so werde ich wieder verschwinden, und zwar richtig! Und ihr werdet mich nicht davon abhalten können!“
antwortet das Kind aufgebracht.
Die Eltern antworten:
„Du hast recht. Wir können dich nicht kontrollieren. Wir haben keine Kontrolle über deine Hände, deine Füsse, auch nicht über deine Gedanken und deinen Willen.
Und deshalb werden wir unserer Pflicht nachkommen, wir werden DICH nicht aufgeben. Wir können und wir werden und wir wollen dich nicht aufgeben.“
Die Nachricht von Selbstkontrolle:
„Ich kontrolliere dich nicht – aber mich schon“
und elterliches Pflichtbewusstsein
„Wir werden alles daran setzen um dich nicht zu verlieren“.
Das Kind nervt sich und verschwindet… und bleibt die ganze Nacht Weg.
Die Eltern wiederholen die vielen Telefonate.
Diesmal bleibt das Kind tatsächlich eine ganze Woche weg und die Eltern fühlen sich schrecklich. Sie bleiben dran, telefonieren weiter und hinterlassen dem Kind Botschaften.
In dieser von Omer erwähnten Story hatte der Vater zuvor Karten gekauft für ein wichtiges Fussballspiel, welches am Ende der zweiten Woche stattfinden würde. Gegen Ende dieser zweiten Woche kommt das Kind dann auch nach Hause. Die Eltern zeigen Wärme und Freude… Und Vater und Sohn gehen an das Fussballspiel.
Entspannt und zufrieden kommen beide vom Spiel zurück.
Das Leben geht weiter und die Eltern wiederholen ihre Telefonate, wenn das Kind zu lange wegbleibt. Sie halten diese Präsenz aufrecht.
Sie zeigen dem Kind, das sie es nicht kontrollieren können; aber sich schon. Dass sie tun, was sie sagen und ihren Sohn nicht aufgeben werden.
Die Kooperation des Jungen wächst und die ganze Situation entspannt sich und verändert sich zum Guten.
Unter diesem Link fand ich ein paar nachgestellte Szenen, die auf dieser „Präsenz und wachsamenSorge“ beruhen.
- Im ersten Beispiel will die Jugendliche, Vanessa, nicht aufstehen, um in die Schule zu gehen. Der Vater (oder der Betreuer) geht ins Zimmer und mit der Verweigerung des Kindes konfrontiert, nimmt er sich einen Stuhl und setzt sich an ihr Bett.
„Ich bin da und ich bleibe da. Du kannst mich nicht entlassen und dich nicht von mir scheiden lassen. Ich bin da, wenn du Hilfe brauchst und ich bin da wenn du Grenzen brauchst. Ich bin da, wenn für dich meine Präsenz angenehm ist, aber auch wenn sie dir unangenehm ist.„
Er entscheidet, wie lange er da sitzen bleibt. Diese Präsenz ist gefüllt mit wachsamer Sorge die keine Anklage, Anschuldigung oder Drohung beinhaltet. Nur eine Präsenz und dieses Pflichtbewusstsein: Es ist wichtig, dass du in die Schule gehst. Das ist deine Pflicht und ich möchte, dass du dieser nachgehst.
- Im zweiten Beispiel, sitzt die Jugendliche am Computer.
Der Vater (oder Betreuer) setzt sich zu ihr und macht sie darauf aufmerksam, dass ihre Zeit am Computer abgelaufen ist.
Dies tut er ohne sie abzuwerten, ohne sie blosszustellen. Er ist bemüht, auf die Beziehung zu achten.
Er macht ihr klar:
„Du bist mir wichtig, mir ist aber auch die Einhaltung der Regeln wichtig, deshalb fordere ich ein, dass du dich an diese Regel hältst.„
Wie wir im ersten Beispiel gesehen haben, welches Omer in seinem Vortrag erwähnt hat, kann präsent zu sein auch heissen, ausserhalb der eigenen vier Wände diese Präsenz zu leben.
- Im dritten Beispiel sitzt Vanessa (Dieselbe Jugendliche wie in den anderen Beispielen) in einer Bar. Es ist aber schon später, als die abgemachte Zeit, und der Vater (oder Betreuer) kommt zur Tür herein. Im Film wird dies „nachgehende Präsenz“ genannt, und hier brauchte es nicht viele Worte. Die Präsenz alleine war genug, dass die Jugendliche weiss, dass es nun wirklich Zeit ist, nach Hause zu gehen.
Mich hat dieser Vortrag und die genannten Beispiele sehr beeindruckt.
Diese Grundhaltung von Wertschätzung, wohlwollen und Annahme, gekoppelt mit Autorität, Klarheit, einer Forderung an das Einhalten der Werte und der abgemachten Regeln sind etwas, was mir einleuchtet und Sinn macht.
Nicht nur im Kontext meiner Familie – aber im Umgang mit Menschen, gerade auch in einer Position der Verantwortung am Arbeitsplatz, Freizeit oder Schule.
Haim Omer hat verschiedene Bücher zum Thema geschrieben – der Titel des Buches, das ich gekauft habe und das in meiner Bibliothek darauf wartet, gelesen zu werden, lautet: „Ängstliche Kinder unterstützen“. Er schrieb dazu noch etliche andere Bücher, unter anderem „Stärke statt Macht“, „Autorität ohne Gewalt“, „Wachsame Sorge“ und „neue Autorität, das Geheimnis starker Eltern“.
Auch auf YouTube sind verschiedene Vorträge zum Thema zu finden.
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