Sexualität – sollen wir mit unseren Kindern darüber reden?

von | Apr 28, 2019 | Erziehung, Familienleben, Persönliches wachstum | 0 Kommentare

Im Rahmen meiner Seelsorge-Schule, die ich erst Anfang April begonnen habe, müssen wir ein paar Bücher lesen. Nun bin ich also mit meinen Kindern im Urlaub auf dem Campingplatz in Südfrankreich und nutze die Gelegenheit, das erste Buch der Pflichtlektüre zu lesen: Meine Wahl fällt auf das Kleinste davon, ein Buch im A5-Format mit knapp 100 Seiten, geschrieben von Gérald Brassine.

Und der Titel des Buches?

„Prävention, Aufdeckung und Umgang mit sexuellem Missbrauch von Kindern – Sollen wir mit unseren Kindern darüber reden?“

(Prévenir, détecter et gérer les abus sexuels subis par les enfants. – Fautil parler de ça aux enfants?) 

Leider existiert dieses Buch nur auf Französisch und Spanisch. Ich habe mit der französischen Version gearbeitet und Teile davon ins Deutsche übersetzt. Alle Angaben von Seitenzahlen stammen aus der französischen Version. 

Wir leben in einer Zeit, in der Sexualität überall gezeigt wird. Im Fernsehen gibt es Filme, die zeigen, worüber wir nicht einmal zu sprechen wagen, explizite Werbeplakate sind für alle sichtbar, Filme und Zeitungen sind zu diesem Thema sehr liberal. Paradoxerweise gibt es gleichzeitig ein Tabuthema zur Sexualität in Bezug auf die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen.

Brassin beschreibt auf der ersten Seite von Kapitel 1, dass wir erkennen müssen, dass wir immer noch eine Abneigung haben, über Sex zu sprechen, geschweige denn mit einem Kind. Dass die Sexualität für Erwachsene banalisiert wird, aber sobald es um Kinder geht, wissen wir nicht, wie wir damit umgehen sollen. 

Er spricht von einer Kultur, die trotz dieser “Befreiung” ein echtes Tabu der Sexualität beibehält. (S.16)

Eine Kultur, die eine Mauer des Schweigens errichtet und uns glauben lässt, dass die Dinge der Sexualität gesagt, erklärt und verstanden werden, während das Kind oft nur ein partielles, verzerrtes oder gar falsches Bild wahrnimmt.

Eine teilweise, fragmentierte oder verkürzte Sicht. Infolgedessen weiss ein Kind in dieser Situation nicht, wo das Gute und das Schlechte liegt, während es völlig verstanden hat, dass dieses Thema den Erwachsenen unangenehm ist.

Dies lässt eine Tür offen für alle Arten von mentaler Manipulation und sogar für Missbrauch.

 Damit kommen wir zum ersten Ziel dieses Buches:

Vorbeugung. Verhindere, dass das Kind eine leichte Beute für Missbrauch wird.

Entgegen der landläufigen Meinung geschieht dies nicht, indem der Kontakt des Kindes mit der realen Welt eingeschränkt wird.

Es ist viel effektiver und nützlicher, ein Kind zu erziehen, um sich den Tabus und Übertreibungen zu stellen, die früher oder später seine Kultur bestimmen werden.

 

Eine Familienkultur schaffen (S.20)

 

“Schaffe eine aktive Familiensubkultur, die nicht darauf wartet, dass Probleme auftreten, nur um darauf zu reagieren. Schaffe eine Subkultur, die sich nicht vom ersten Geräusch von aussen beeinflussen lässt…”

Der Autor schlägt vor, das Thema und die Sexualität mit dem Kind von klein auf, d.h. von drei- bis dreieinhalb Jahren, zu diskutieren (und immer wieder darüber zu sprechen). (S.20)

 

Das ist in der Tat ein überraschender Ansatz – und man kann sich fragen, wie man das in diesem Alter macht.

 

Dies sind die Gründe, die in diesem Buch angegeben sind:

  •  Ein Kind versteht alles oder fast alles.
  • Es werden Anhaltspunkte für den anschliessenden Austausch gegeben.
  • Ein Kind in diesem Alter ist sachlich und nimmt ohne Probleme an, was ihm gesagt wird, ohne Verlegenheit oder Scham.
    (“Dies ist ein Penis, ein Pimmel, eine Scheide, etc.) ” oder “Liebe machen ist angenehm” wird nicht anders wahrgenommen als : “Das ist eine Ente, ein Stuhl, etc.”
  • Zu Warten, bis das Kind die ersten Fragen stellt, um über Sexualität zu sprechen, wird wahrscheinlich nie den richtigen Zeitpunkt hervorrufen, um darüber zu sprechen.
    “Erstens, weil es wahrscheinlich ist, dass das Kind spontan nie irgendwelche Fragen stellt und dann aufwächst und ein unvollständiges oder verzerrtes Bild der Sexualität aufbaut. Zweitens, weil Kinder, die von klein auf missbraucht werden, manipuliert werden und nie Fragen stellen werden, um nicht zu verraten, was sie durchmachen.“ 

Über gemeinsame Liebe, Freude und Begehren sprechen (S.22)

 

“Wenn wir über normale, positive Sexualität sprechen, sagen wir das Gegenteil von Missbrauch, wir sprechen über die Antithese der Vergewaltigung.”

 

  • Eine positive und normale Sexualität, – das heisst, wir reden über Liebe, konkreter über gemeinsames Vergnügen und Begehren (siehe ein Beispiel von Claudine hier).
  • Es ist auch wichtig, über Sexualität als einen Beziehungs-Prozess zu sprechen. (Persönlich sprechen wir mit unseren Kindern über den Rahmen der Ehe, zwischen Mann und Frau).
  • Sexualität muss frei gewählt und als angenehm empfunden werden: Es ist etwas Gutes, aber es betrifft Erwachsene, und wird nur im behutsamen Umgang miteinander praktiziert.
  • Dann müssen wir auf dem emotionalen und dem Beziehungs-Aspekt der Sexualität bestehen, denn wir erkennen, dass junge Menschen, auch wenn sie informiert erscheinen, meist nur die technische Seite kennen.
  •  

Über sexuelle Abnormalitäten sprechen (S.24)

 

 “Es ist sehr wichtig, über sexuelle Abnormalitäten zu sprechen, aber nur – und das ist auch sehr wichtig – nachdem man die Konzepte der gemeinsamen Liebe, des Vergnügens und des Begehrens erklärt hat, so dass das Kind diese neuen Informationen an der richtigen Stelle, am Rande einer gesunden Sexualität platziert. Nur abweichendes Verhalten zu zeigen, um einen unrechtmässigen Versuch zu verhindern, ist nicht nur unwirksam, sondern auch störend für das Kind, weil die Sexualität, die nur auf diese Weise angegangen wird, verteufelt wird.” 

 

Sprich über deine eigene Erfahrung (S.26) 

“Einige Mütter, die als Kinder missbraucht werden, bewachen ihre Kinder stillschweigend so gewissenhaft, dass sie ihnen ihre eigene Angst vermitteln, während eine gute Diskussion über die Freuden der Sexualität und die Schrecken, die sie einst erlebt haben, die beste Prävention wäre. Diese Überwachung ist in der Regel nutzlos, aber die Angst ist umso heimtückischer, weil weniger deutlich zum Ausdruck kommt. (…) 

“Wenn man seine eigene Vergangenheit, seinen eigenen vergangenen Schmerz mitteilt – fühlt sich das Kind in diesem Moment besorgt – oder verstanden, akzeptiert und unterstützt, wenn es missbraucht wird – um sich frei mitteilen zu können; das Kind nimmt die Ernsthaftigkeit der Sache durch Worte wahr, aber auch durch die Emotionen und alle nonverbalen Zeichen, die eine solche Geschichte begleiten”.

 

“Nein” zu sagen ist nicht genug (S.27)

 

Dem Kind zu sagen, dass es dem Pädophilen, der sich ihm nähert, “Nein” sagen soll, ist nur ein gültiger Rat unter bestimmten Bedingungen. 

  1. Dies kann nur nach – und erst nach – der Erklärung der Sexualität – der gesamten Sexualität geschehen, denn das Kind muss wissen, dass die an es gerichtete Aufforderung rechtswidrig ist und dass es ihm nicht gefällt.
  2. Nachdem der Täter als krank – nicht als “Bösewicht” – dargestellt wurde, so dass das Kind die missbräuchliche Natur einer Aufforderung auch dann erkennen und identifizieren kann, wenn sie von einem Erwachsenen kommt, den die Familie im Allgemeinen für “nett” hält. 

Aber selbst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, wird die Ablehnung eines Kindes den Missbrauch nicht unbedingt stoppen. Schlimmer noch, wenn man einem Kind rät, “nein” zu sagen, ohne sicher zu sein, dass man bereit ist, zu handeln, um ihm oder ihr zu helfen, sobald man über den Missbrauch informiert ist, kann man das Kind noch mehr Gewalt aussetzen, während man es durch seinen Rat eigentlich hätte schützen wollen.

 

 Verwenden Sie einfache, konkrete Begriffe (S.29)

 Es ist wichtig, mit dem Kind über Sexualität in einfachen, konkreten Worten zu sprechen, in Worten, die für das Kind zugänglich sind. Medizinische Fachbegriffe oder abstrakte Begriffe sollten ausgeschlossen werden. Es ist wichtig, Wörter zu verwenden, die das Kind kennt. (….) für das kleine Mädchen, werden wir die Gelegenheit nutzen, zwischen Vulva und Anus zu unterscheiden. Und dann , ja, wird es notwendig sein, sexuelle Gesten konkret zu beschreiben, wie z.B. “den Elefanten in das Müscheli stecken”(oder welche Worte du auch immer bei deinen Kindern verwendest). Um Missverständnisse zu vermeiden, kann es schliesslich sinnvoll sein, das Kind sagen zu lassen, was es verstanden hat. Auf jeden Fall ist es wichtig, einen echten Dialog mit ihm oder ihr zu führen. 

  

Grenzen und Verbote festlegen: (S.31)

 

Der Autor erklärt, dass: 

Wir müssen wachsam und präzise sein, denn bei meinem Ansatz geht es vielleicht nicht nur um Vorteile. Aus den genannten kulturellen Gründen ist es nicht sehr verbreitet: Auch die Aufklärung Ihres Kindes auf diese Weise bedeutet manchmal, das Thema im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern “zu marginalisieren”.

(….) Einige meiner Leser oder Kritiker mögen mir widersprechen, wenn sie sich vorstellen, dass ich vorschlage, dass Kinder ihre Sexualität gemeinsam erleben – das ist natürlich nicht der Fall, und in dem, was ich vorschlage, gibt es eindeutig eine Grenze zwischen “darüber reden” und “es anwenden”.

 

Er erklärt auch, dass das Thema dem Alter des Kindes entsprechend mit Einschränkungen und Verboten gestaltet werden muss:

 

  • Erkläre ihm, dass wir nicht in allen Familien mit der gleichen Freiheit sprechen.
  • Sag dem Kind, dass das freie Sprechen über Sex oder Sexualität andere Kinder oder ihre Eltern schockieren kann.
  • Dass es eine Redefreiheit gibt, die nur zu Hause ausgeübt werden sollte.
  • Dass Liebe zu machen ein Vergnügen und ein Glücksgefühl ist, das er oder sie später erleben wird, denn nur Erwachsene können es voll geniessen. Nur weil das Kind weiss, wie das gemacht wird, bedeutet das nicht, dass es frei handeln kann.
  • Sexualität ist für den Kontext einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gemacht (ich habe diesen Punkt hinzugefügt).
  • Schliesslich muss das Kind verantwortlich gemacht und ihm aufgezeigt werden, was die Folgen sein könnten, wenn es zu Unrecht jemanden der Pädophilie beschuldigt.

    Den ersten Teil dieses kleinen Buches zusammenfassend, habe ich versucht, einige grundlegende Informationen über den Ansatz des Autors zu liefern. Wenn Sie dieses Thema anspricht (und Sie Französisch oder Spanisch sprechen), rate ich Ihnen, dieses kleine Buch zu kaufen, das wenig Zeit zum Lesen braucht, aber voller sehr wichtiger Inhalte ist.

    Im nächsten Artikel werde ich den zweiten Teil des Buches zusammenfassen:

    Warum reden die Kinder nicht?

    Warum können Erwachsene es nicht sehen?

    Im dritten Artikel werden wir darüber sprechen, wie wir mit Situationen des Kindesmissbrauchs umgehen können, sowohl in den Bereichen Beziehung als auch Familie.

    Gehe hier zum Text weiter unten, der als Beispiel zur Aufklärung dienen kann: 

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    Der Author Gérald Brassine erklärt:

     

    Ich füge diesen kurzen Text als Beispiel hinzu. Es kann in keiner Weise einen “Standardtext” darstellen, der an Ihre eigenen Kinder weitergegeben werden soll. Was sie von dir erwarten, ist der Ausdruck deiner inneren Stimme, die Geschichte deiner Erfahrung als Vater oder Mutter, deine Worte und deine persönliche Sensibilität, während du mit ihnen über das Intimste von allem sprichst:

    Die Freude am Lieben und geliebt werden, die Freude, aus der dein Kind geboren wird.

    Lies diesen Text…. und formuliere ihn nach deinem Ermessen!

    Du weisst, dass du geboren wurdest, weil Papi und ich uns sehr lieben und weil wir uns sehr lieben, machen die Leute Babys.

    Wir nennen es “Liebe machen”. Indem wir uns sehr fest umarmen, streicheln und liebkosen wir uns gegenseitig. Wenn Papa sich von Mama sehr geliebt fühlt und er auch viel Liebe zu ihr empfindet, wächst und verhärtet sich sein Penis wie ein kleiner Stock. Er steigt geradeaus an und sucht dann nach einem kleinen Ort, um sich in der Nähe der Mutter warm zu halten. Langsam tritt er in die Vagina der Mutter ein, ein kleines Loch neben dem, das sie zum Pinkeln benutzt. Dieses kleine Loch wird dann sehr heiss, sehr weich, um Papas Penis zu begrüssen. Das Ganze ist sehr vergnüglich und irgendwann haben die Eltern so viel Spass, dass kleine Babysamen aus Papas Penis kommen, um sich in Mamas Schoss einzuleben. Von all diesen winzigen Samen wird nur einer den Weg zum Nest im Schoss von Mama finden können. Dort wird es erwachsen werden, um ein Baby zu werden. Und wenn der Bauch der Mami kugelrund ist, liegt das daran, dass das Baby bereit ist, herauszukommen.

    Aber um Liebe zu machen, müssen beide zustimmen, der Mann und die Frau. Und wenn sie sich sehr lieben, werden sie oft miteinander schlafen, nicht nur, um ein Baby zu bekommen, sondern auch, um einander zu zeigen, dass sie einander lieben und um sich gegenseitig Freude zu bereiten.

    Du zum Beispiel wirst eines Tages mit demjenigen schlafen, den du auserwählt hast, den du mit all deiner Kraft lieben wirst. Bis dahin gehört dein “Piepmatz/deine Mumu” dir und niemand anderem.

    Niemand kann dich zwingen, es zu zeigen, niemand hat das Recht, es ohne deine Zustimmung zu berühren.

    Ich sage das, weil es leider Menschen gibt, die diese Regel nicht respektieren und zum Beispiel mit Kindern Sex haben wollen.

    Sie haben kein Recht, es ist verboten! Und wenn dir das passiert, solltest du nicht zögern, “nein, ich will nicht” zu sagen und dann zu mir zu kommen, denn ein Mensch, der das tut, wer auch immer es ist, ist ein Kranker. Indem du dich weigerst, mit ihm zu “spielen” und dann mit mir redest, hilfst du ihm.

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