Kinder und Technologie – verhindern oder fördern? 2.Teil

von | Mrz 23, 2019 | Erziehung, Familienleben | 0 Kommentare

Die heutige Elterngeneration (darunter vor allem diejenigen, die schon ältere Kinder und Teenies haben) erlebte noch eine Kindheit  mit Kassetten, mit Walkman, mit Fernsehern, die nur drei Sender empfingen und Telefonkabinen. Die ersten Computer von dazumal sind nicht mehr zu vergleichen mit dem, was wir heute besitzen. 
In ihrem Buch „medienmündig“ erwähnt Paula Bleckmann den Begriff „digital natives“. Dieser Begriff macht unsere Kinder zu „Digitalen Eingebornen“, zu Kennern und Könnern der Digitalen Welt. Uns Erwachsenen hingegen zu „Unwissenden Einwanderern“, die nicht viel (oder gar nichts) zu sagen haben. (s.158, Medienmündig bei Paula Bleckmann)

Technology

Wie wir im letzten Artikel gesehen haben, ist diese Realität auch ein Grund wieso sich viele Eltern über ihre Sprösslinge freuen, wenn sie sehen, wie kompetent sich diese im Gebiet von elektronischen Medien bewegen. Wieso sie sich darüber freuen, wenn  KITA’s und Unterstufen mit Tablets und Computern ausgestattet werden. Weshalb sie ihre Kinder ohne Schutz und Führung in die Welt des medialen Grossverkehrs schicken.

Doch wie uns Referentin Angela Indermaur im Rahmen eines Vortrages sehr eindrücklich erklärt hat, geht es um mehr als Kompetenz.

Nicht Medienkompetenz sondern Medienmündigkeit

 

Sehen wir uns doch nochmals die Bedeutung des Begriffs „Mündigkeit“ an:  

„Mündigkeit ist der „Zustand nach Abschluss einer Entwicklung. Solange das Kind oder der Jugendliche zu jung ist, um seine langfristigen Ziele und Bedürfnisse zu reflektieren und sich für deren Berücksichtigung einzusetzen, zu jung, um mögliche Nachteile oder Gefährdungen für seine Entwicklung zu erkennen, wird er unter den Schutz eines Erwachsenen gestellt, der sich für ihn einsetzt und ihn vertritt.”
S33, im Buch Medienmündig von Paula Bleckmann  

 

Deshalb, so erklärte uns Angela Indermaur,  ist es unsere Aufgabe als Eltern, Pädagogen und Lehrpersonen, unsere Kinder in diese Medien-Mündigkeit hineinzuführen, und dies Schritt für Schritt. 

 

Mündigkeit braucht Zeit. Wie im letzten Artikel erwähnt, werden wir keinen 8-Jährigen ans Steuer eines Autos lassen, sogar wenn wir wüssten, dass er die Kompetenz hätte, ein Auto zu bedienen. Uns wäre bewusst, dass einem 8-jährigen Kind die dazugehörige menschliche Reife fehlt, sich verantwortungsvoll im Strassenverkehr zu bewegen.

Wir würden dieses Kind erst ab dem Mindestalter hinter das Steuer lassen, dies mit einem Fahrlehrer und einem Lern-Führerschein. Dann würde zuerst mal mit grosser Selbstverständlichkeit das Lenken, Gas geben und Bremsen, Einparken und Anfahren am Berg  geübt. 
Wir alle wissen, dass in diesem Gebiet wohl zwischen Kompetenz und Mündigkeit unterschieden wird.

Um zu dieser Mündigkeit heranzuwachsen, brauchen unsere Kinder Erwachsene, die sie auf dem Weg in die Mündigkeit begleiten. 

Dazu brauchen wir keine Profis im Thema Medien zu sein.
Da ist es egal, ob wir „unwissende Einwanderer“ im Gebiet der medialen Welt sind. 

Aber wie sieht denn dieser Weg bis hin zur Mündigkeit aus? Wie können wir den Reifeprozess unserer Kinder unterstützen? 
Und wie sollen wir Eltern Einfluss auf die mediale Welt unserer Kinder nehmen? Braucht es da Eiserne Kontrolle? Oder doch lieber eine Haltung, die eine Gewisse Freiheit beinhaltet? 

In seinem Buch „Unsere Kinder brauchen uns“ gibt Dr. Gordon Neufeld auch gerade auf solche Fragen einleuchtende, klar verständliche  Antworten. In der überarbeiteten Version finden wir dazu noch ein ganzes Kapitel rund um Medien im Alltag unserer Kinder. 

Er beschreibt unter anderem, wie es um Beziehung geht, oder genauer gesagt, um die Bindung zu unserem Kind. 

Denn eine Bindung, in der sich das Kind bei uns geborgen fühlt, ist die entscheidende Grundlage, auf der ein Kind wachsen und Reifen – und zu einer mündigen Person heranwachsen kann. 

Im zweiten Kapitel seines Buches, Seite 22 finden wir auch die sechs Bindungsebenen schrittweise erklärt. Dort wird beschrieben, wie die Bindung sich verändert und entwickelt. 

 

  1. Bei der ersten Bindungsstufe ist das Ziel die körperliche Nähe. (Sinne
  2. Dann die Bindungsstufe der Gleichheit. Das Kind versucht, so zu sein wie die engste Bezugsperson. 
  3. Das bindende Kleinkind wird auf alles oder jeden, zu dem es eine Bindung hat – ob Mama, Papa, Teddybär oder kleine Schwester – einen Besitzanspruch erheben. Das ist die Ebene der Zugehörigkeit und Loyalität.
  4. Die vierte Art beinhaltet die Suche nach Bedeutsamkeit, dem Gefühl, jemandem wichtig zu sein. 
    5. Liebe empfangen wir durch emotionale Nähe. Durch Gefühle von Zuneigung, Liebe und Wärme.
  5. Vertrautheit. Jemandem vertraut zu sein heisst, sich ihm nahe zu fühlen. Kinder, die diese Art von Bindung mit ihren Eltern anstreben, haben ungern Geheimnisse vor ihnen, da dies zu einem Verlust an Nähe führt.

Diese Stufen entwickeln sich im Idealfall in den ersten 6 Lebensjahren, es kann aber auch viel länger dauern. Die gute Botschaft ist, dass  Entwicklung immer möglich ist, auch im Erwachsenenalter noch! 

 

Diese sechs Bindungsebenen sind auch im gut lesbaren Buch „Der Neufeld-Ansatz für unsere Kinder“ von Dagmar Neubronner, Kapitel 2 zu finden. 

Auf dieser Webseite findest du mehr dazu in diesem Artikel.

Zusammenfassend kann man zu diesen sechs Bindungsstufen sagen, dass Bindung der Kern des Reifeprozesses ist. 

Ein Kind, das sich in der Beziehung mit seinen Eltern auf der Ebene der Vertrautheit bewegt, wird ganz anders mit der medialen Welt umgehen können, als ein Kind das sich in den vorherigen Ebenen bewegt. 

 Stell dir vor, ein Kind – (oder Jugendlicher) ist in seinem Reifeprozess auf der Bindungsstufe der Gleichheit stecken geblieben, und diese Wichtigkeit des Gleich-seins zeigt sich im Umgang mit seinen Schulkollegen und Freunden. 

So ein Kind wird nicht die Reife haben, kritisch zu reflektieren,  (Medien Turm, siehe letzter Artikel) wie es mit seinem Zugang zur medialen Welt umgeht. Es wird einfach das machen, was diejenigen Personen um das Kind herum machen, zu denen es die stärkste Bindung hat – und oft sind das dann Gleichalterigen (mit genauso wenig Weisheit und Selbstkontrolle wie es selber.) 

Schlimmer noch, das Kind wird die (social-) Medien dazu benutzen, seinen Bindungshunger zu stillen. D.h. es wird dadurch seine Gleichaltrigen nahehalten (1. Bindungsstufe) und es wird mit allen Mitteln nach Gleichheit und Zugehörigkeit streben. (2. Bindungsstufe) 

 Das ist auch der Grund, weshalb es so wichtig ist, dass wir eine tiefe und sichere Bindung mit unseren Kindern aufbauen. 

Dass wir die Bezugspersonen sind, die unsere Kinder in die Mündigkeit führen können. 

 Gordon Neufeld beschreibt im Kapitel über das digitale Zeitalter:

„Es gibt einen richtigen Zeitpunkt und eine richtige Entwicklungsphase für die digitale Vernetzung. Dieser Zeitpunkt ist, wenn das Kind von Erwachsenenkontakten gesättigt ist. Wenn das Kind sich an der nährenden Hauptmahlzeit gesättigt hat, ist das digitale Dessert ein relativ harmloses Vergnügen. An diesem Punkt können wir es uns leisten, unsere Kontrolle etwas entspannter zu handhaben. – Genauso ist es mit dem Bindungshunger. Das schlimmste, was wir tun können, ist, unsere Kinder hungrig von uns wegzuschicken. Damit stellen wir die Weichen für die Gleichalterigen-Orientierung und im Weiteren für die überhandnehmende Nutzung digitaler Geräte, die es den unreifen, jungen Menschen ermöglicht, mit ihren Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben. 

Die beste Schutzmaßnahme gegen die Verwendung digitaler Geräte zur sozialen Vernetzung ist ein gut gesättigtes Kind.„

S.319, vom Buch „Unsere Kinder brauchen uns“.

 In anderen Worten formuliert, erklärt Neufeld, dass wir unsere Kinder nicht durch eiserne Kontrolle vor der medialen Welt schützen können. Wir werden sie auch nicht durch Kontrolle in diese Mündigkeit hineinführen können.

 Dies geschieht durch die Bindung, die wir zu unseren Kindern aufbauen – und aufrecht erhalten. Nur dadurch sind sie mit „guter Nahrung“ gesättigt und können problemlos einen „Nachtisch“ zu sich nehmen, ohne in Gefahr zu kommen, die mediale Welt zu benutzen, um ihren Hunger nach dieser Bindung zu stillen. 

 

Die Referentin Angela Indermaur schloss diesen Teil mit den folgenden Worten: 

„Digitale Medien oder Social Medien gehören nur in die Hände von Kindern die Bindungssatt sind.“ 

Das Geheimnis liegt im richtigen Zeitpunkt. Um wirklich reifen zu können, müssen unsere Kinder mit dem gesättigt werden, was sie wirklich brauchen, bevor sie den Zugang zu Dingen haben, die ihnen den Appetit auf das, was sie wirklich brauchen, verderben.

Bevor sich Kinder nicht im wirklichen Leben tief binden konnten, bietet die digitale Welt nicht das, was sie wirklich brauchen. 
Schlimmer noch, sie behindert oft das, was sie wirklich brauchen, nämlich eine tiefe und sichere Bindung an, eine fürsorgliche, erwachsene Person.

Womit werden wir Satt? Mit Schokolade-Muffins? 

Wir werden doch auch nicht unseren Kinder unbegrenzt Süsses zum Essen geben, sondern ihnen einen Nachtisch erst nach einem Nährhaften Essen geben.
Ganz ähnlich geht es mit den sozialen Medien. Gefährlich und ungesund wird es dann wenn Kinder, die nicht bindungssatt sind, also keine tiefe und sichere Bindung zu einer fürsorglichen erwachsenen Person entwickeln konnten, versuchen diesen Hunger mittels sozialen Medien zu stillen. 

Im dritten Teil des Vortrages nahm uns die Referentin Angela Indermaur in den Alltag mit ihren 3 Kindern im Teenager Alter hinein. Sie gab uns einen Einblick in die Art und Weise, wie diese erfolgreich mit  Medien umgegangen sind. 

Dies wird das Thema im nächsten Artikel sein: Wie wir ganz praktisch den Alltag mit unseren Kindern gestalten können.

Angela Indermaur gibt nicht nur Vorträge im Rahmen unserer Schule, sondern wird zusammen mit Heinz Etter auch Referentin an der Frühlingstagung zum Thema „Ängste begegnen – Verletzungen heilen“  sein.

Diese Tagung findet am 30.März in Frauenfeld statt, hier geht es zum Flyer.

Sehr empfehlenswert!

Auch führt Angela Onlineseminare rund um die Themen „Medien, Kleinkind, Pubertät“ usw. durch. Die nächsten Daten sind für den 2. April (zum Thema „Hilfe, Pubertät!“ und den 4. April „Kleinkinder“ geplant, dies jeweils von 20-22h. Für die Anmeldung siehe hier.

Sie hält auch Vorträge zu den oben genannten Themen und ist offen, für diese Themen im Rahmen eines Vortrages von dir angefragt zu werden!

Setz dich bei Interesse entweder direkt mit Angela (angela80@bluewin.ch) in Verbindung oder melde dich über diese Homepage an.

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