Weshalb das Bild, das wir über Autorität haben, so wichtig ist.
Letzte Woche bekam ich einen Link zugeschickt von einem Referat von Haim Omer, einem Pädagogen und Autor aus Israel, der zum Thema „Die neue Autorität, Teil 1“ referierte.
Ich fand die Thematik höchst spannend und schrieb fleissig mit.
Dieser Artikel basiert nun auf diesen Notizen, zusammen mit paar eigenen Gedanken: in diesem ersten Artikel versuche ich, die Theorie zusammenzufassen und im nächsten Artikel werde ich dann anhand eines von ihm erwähnten Beispieles aufzeigen, wie die Praxis aussehen kann.
Für viele von uns ist es klar, was wir als Eltern und Lehrer nicht mehr wollen:
Dieses Bild einer erdrückenden Autorität, das noch in den 50igern Jahren als „normal“ galt.
Eine Autorität, bei der kein Widerspruch akzeptiert wurde und jedes vergehen, gross oder klein sofort „korrigiert“ wurde – nicht selten mit einer Tracht Prügel.
Eine gute Erziehung wurde mit dem Wert „Gehorsam“ – einem Gehorsam der ohne Widerrede und ohne Verzögerung geschieht – verbunden.
Alice Miller beschrieb diese Art von Erziehung in ihrem Buch „Am Anfang war die Erziehung“ und nannte sie „Schwarze Pädagogik“.
Heute könne sich die meisten von uns damit nicht mehr identifizieren; ja, wir neigen sogar dazu, ein Kind, das immer nur gehorsam ist, als Fehlresultat der Erziehung zu sehen!
Eine in Deutschland bei ordinären Familien durchgeführte Umfrage erklärt auch, weshalb dies so ist: Der Wert, den die meisten Eltern dieser Umfrage anstreben und umsetzen möchten, ist nicht mehr „Gehorsam“ – sondern „Autonomie, Initiative und Selbständigkeit“.
Wir wollen Kinder, die Kreativ sind. Die sich entfalten können. Die Toleranz, Unabhängigkeit, Fantasie und Vorstellungskraft an den Tag legen.
Wir wollen, dass unsere Kinder ihr „Selbst“ entwickeln können. Dass sie aufwachsen, frei von dieser erdrückenden Autorität, die durch Kontrolle und Kälte Gehorsam erreichte.
Dies ist ein Traum, der seit den 70igern Jahren von Pädagogen geträumt wurde. Sie glaubten, dass, wenn diese Kinder dann gross werden, sie eine gesunde Gesellschaft sein würden, da sie ja nie Unterdrückung oder Gewalt erlebt hätten. Dass diese dann auch mit ihren Mitmenschen positiv, geduldig und liebend miteinander umgehen würden.
Ein Erlösungstraum der Gesellschaft.
Dadurch hat sich ein um sich greifendes ideal der Erziehung breit gemacht, das auf vier Fundamenten basierte:
Liebe, Verständnis, Ermunterung und Freiheit.
Leider erzielte eine solche Erziehung nicht die erträumten Resultate, sondern brachte Probleme mit sich, die sehr enttäuschend und ernüchternd auf unsere Gesellschaft einwirken:
Die Befunde der Forschung zeigen – und es gibt heute über 3oo Studien, die das Gleiche besagen -, dass Kinder, die in einer konsequenzenfreien Erziehung aufwachsen, ohne Grenzen oder besondere Forderungen, sondern nur mit Verständnis und Ermunterung – mit in einer ganzen Reihe Schwierigkeiten aufwachsen. Es sind Schwierigkeiten, welche diejenigen Kinder, die in einer traditionelleren Familie aufwachsen, die Grenzen, Forderungen und Erwartungen anwendet, nicht haben:
Diese Kinder der konsequenzenfreien Erziehung verhalten sich im generellen impulsiver, können ihre Gefühle nur schwer kontrollieren und reagieren nicht angemessen auf Regeln und Verpflichtungen. Sie sind oft gewalttätiger, und neigten eher dazu, vom sozialen Rahmen wie Sport, Musik und Schule abzufallen. Für gewöhnlich haben diese Kinder ein fehlendes Durchhaltevermögen, fehlende Geduld, kein Sinn für Zusammenarbeit und Verhaltensprobleme.
Auch sind solche Kinder anfälliger auf eine lange Reihe von Risikofaktoren wie schlechter Einfluss von Freunden, Alkohol oder Drogen, Promiskuität, geringe Selbstkontrolle. Dazu haben die meisten dieser Kinder einen niedrigen Selbstwert.
Haim Omer nannte zu diesem letzten Punkt ein interessantes Beispiel:
Ein Kind kritzelt auf ein Blatt Papier und eine ganze Reihe von Erwachsenen sind ausser Rand und Band und applaudieren dem Kind: „Was für ein Talent, ein kleiner Van Gogh!“
Weshalb sollte ein Kind unter diesen Umständen ein schlechtes Selbstwertgefühl zu entwickeln?
Heute können wir es besser verstehen: Um zu glauben, dass wir wirklich zu etwas taugen, um so ein positives Selbstwertkonzept zu entwickeln, brauchen wir nicht nur positive Spiegelung: Diese ist nötig, aber genügt nicht. Wir müssen auch Erfahrungen damit machen, dass wir fähig sind, mit Schwierigkeiten zurechtzukommen, diese zu überwinden (…) Erfahrungen die sagen „das musst du tun“ sind absolut notwendig und bilden das Kalzium in der Rückensäule unseres Selbstwerts (..))
Diese oben beschriebene Realität der Probleme, die eine Autoritätsfreie Erziehung mit sich bringt, stürzt uns in ein Dilemma:
Die meisten von uns – und unsere Gesellschaft – lehnen dieses „alte“ Bild der Autorität entschlossen ab. Diese erdrückende Autorität, diese „schwarze Pädagogik“, die noch in den 50ern Jahren als „normal“ galt.
Diese Autorität, bei der kein Widerspruch akzeptiert wurde und jedes vergehen, gross oder klein sofort „korrigiert“ wurde – nicht selten mit einer Tracht Prügel.
Andere halten sich verzweifelt an diesem alten Bild von Autorität fest.
- Oft sind dies Eltern, die verstehen, dass eine Erziehung ohne klare Grenzen Kinder hervorbringt, die mit Schwierigkeiten Aufwachsen, so wie ich sie oben beschrieben habe.
- Oder Eltern, die ihre Kinder nach Biblischen Grundlagen erziehen wollen und sicher sind, dass dies nur durch eine solche Autorität möglich ist.
Ich fand es höchst interessant, zu hören, was die Grundwerte einer solchen Art von Autorität waren und wie sich eine solche Autorität verkörperte.
Darunter waren Elemente wie:
1.Distanz zwischen Eltern und Kind,
2.Kontrolle über das Kind,
3.Hierarchie : Eltern oben, Kinder ganz unten
4.Aktion- Reaktion : sofortiges Bestrafen bei Ungehorsam
- Autorität bedeutete Distanz:
Die Autorität basierte auf Distanz. Die Eltern hatten keine nahe Beziehung zum Kind, sondern standen entfernt auf einem Podium. Es war nicht wichtig, was das Kind fühlte oder dachte. Genauso wenig wussten die Kinder, wie es den Eltern wirklich geht. Eine Autoritätsperson war unerreichbar und unnahbar.
2. Autorität bedeutet Kontrolle. Diese Art von Kontrolle versuchte, das Verhalten des Kindes zu bestimmen – aber nicht nur das: sie bestimmte auch, was das Kind denkt und fühlt.
Solche Kontrolle erwartete einen absoluten Gehorsam. Das Kriterium, ob jemand Autorität hatte, wurde mit dem Level des Gehorsams der Kinder gemessen.
3. Autorität bedeutet Hierarchie.
Die Autoritätsperson stand an der Spitze und die Kinder darunter.
Die Eltern waren niemandem Rechenschaft schuldig. Was sie in ihrer Familie taten, ging niemanden etwas an. Kinder hatten keine Stimme und keine Rechte.
4. Traditionelle Autorität basierte auf dem Grundsatz von unmittelbarer Reaktion.
Dem sofortigen Reagieren und Bestrafen, wenn das Kind etwas Falsches gemacht hatte, damit das Kind ja nicht den Eindruck bekommen würde, dass es einen Spielraum hat.
Da war dieser Glaube, dass Erwachsene an Autorität verlieren würden, wenn sie nicht sofort reagieren und bestrafen würden oder sogar nachfragen würden, wieso das Kind so gehandelt hat.
Haim Omer erklärt:
Wir wissen, was wir nicht wollen. Wir wollen diese Elemente der alten Autorität nicht mehr. Wenn wir wissen, was wir nicht wollen, dann fangen wir vielleicht an, zu sehen, was wir wollen.
Haben wir eine Alternative zu Distanz? Gibt es eine Möglichkeit, Nähe mit Autorität zu verbinden?
1.Autorität – nicht Distanz sondern Präsenz
Natürliche Elterliche Autorität entsteht, wenn das Kind die Eltern als Präsent erlebt.
Wenn die Eltern die Botschaft übermitteln:
Ich bin da und ich bleibe da. Du kannst mich nicht entlassen und dich nicht von mir scheiden lassen. Ich bin da, wenn du Hilfe brauchst und ich bin da wenn du Grenzen brauchst. Ich bin da, wenn für dich meine Präsenz angenehm ist, aber auch wenn sie dir unangenehm ist.
Ein solches Kind spürt die Elterliche Präsenz und diese gibt den Eltern Gewicht, Stärke und Autorität.
- Autorität – nicht Kontrolle sondern Selbstkontrolle:
Die natürliche Autorität wächst, wenn wir verstehen, dass Kontrolle über unsere Kinder zu haben eine Illusion ist. Vielleicht bringen wir sie dazu, das zu tun was wir von ihnen wollen – solange wir präsent sind. Aber wir haben keine Kontrolle über ihre Füsse, ihren Mund, ihre Gedanken und ihre Gefühle.
Das einzige, was wir wirklich lernen können, zu kontrollieren, sind wir selber. Haim Omer erwähnt wie dies der Haupt-Prädikator von positiven Resultaten in Familien, mit denen er arbeitete, war: die Selbstkontrolle der Eltern.
Wenn Eltern fähig sind, zu sagen: „Ich kontrolliere dich nicht – Aber mich schon“, dann führt dies zu ganz anderen Interaktionen.
- Autorität – nicht einfach Hierarchie sondern wachsames Sorgen:
Ich bleibe mit dem Finger auf dem Puls meiner Kinder.
Dies geschieht, ohne intrusiv zu sein, aber mit dem Pflichtgefühl als Eltern. Wenn alles in Ordnung ist, dann gebe ich meinem Kind den Freiraum, zu experimentieren. Dies ist ein positives Interesse an meinem Kind.
Wenn ich aber problematische Zeichen bekomme, so muss ich schauen, was da ist. Dann muss ich dort näher hinschauen, wo es Probleme gibt.
- Autorität ist nicht mehr Aktion – Reaktion, sondern Zeit, Selbstkontrolle und Pflichtbewusstsein
Hier heisst es nicht mehr: „Du machst, was ich sage, sonst gibt es eine Tracht Prügel“ … sondern „wir machen was wir sagen“.
Das ist ganz etwas anderes.
Hier heisst es nicht mehr „Du machst jetzt, was ich sage“ – also Kontrolle, sondern „ich mache was ich sage“ – Selbstbeherrschung.
Auch Pflichtbewusstsein bildet Autorität. „Ich bin nicht bereit, dich aufzugeben“… Das ist elterliches Pflichtbewusstsein. „Ich werde alles daran setzen, um dich nicht aufzugeben.“
Haim Omer zeigte in seinem Referat anhand von einem eindrücklichen Beispiel, wie diese Punkte anwendbar sind. Im nächsten Artikel werde ich dir dieses Beispiel zugänglich machen.
Wenn du schon vorher, in seinen eigenen Worten, hören möchtest, was er zu diesem Thema zu sagen hat, so lade ich dich ein, dir das Referat hier auf YouTube anzusehen.
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