Merkmale einer Scham basierten Familie und wie Veränderung geschehen kann Teil 2

von | Feb. 14, 2020 | Familienleben, Persönliches wachstum | 0 Kommentare

Im letzten Artikel beschrieb ich eine Familie, die auf Scham basiert ist.

Ich beschrieb was man sich unter dem Wort Scham vorstellen kann und wie diese Scham die Dynamik einer Familie prägen kann.  Eine frei erfundene Geschichte sollte diese Dynamik etwas veranschaulichen:

Es war einmal eine traditionelle, amerikanische Familie – Mutter, Vater und drei Kinder. Die Kinder der Familie waren bereits erwachsen und hatten selbst ihre eigenen Familien.
Jährlich trafen sie sich zum gemeinsamen Weihnachtsfest – und natürlich durfte dabei der prall gefüllte Truthahn nicht fehlen.
In den vergangenen Jahren hatte sich die Mutter jeweils um den Einkauf und die Zubereitung des Truthahns gekümmert.

Doch dieses Jahr war es anders: Der Vater, war nun Pensioniert und somit hatten sie ein kleineres Einkommen als zuvor. Über den Familien-Chat wurde eifrig darüber geredet, wie die Kosten dieses Jahr aufgeteilt werden sollten und wer den Truthahn zubereiten würde.
Alle waren sich einig: Mutters Truthahn ist der beste. Gerne willigte sie ein, diesen auch dieses Jahr zuzubereiten. Dabei erfuhren die Kinder, dass die Mutter den Truthahn jeweils bei einem Bio-Händler gekauft hatte; der Kilopreis war 10x höher als der Preis eines „normalen“ Truthahns.
Shannon, das mittlere Kind, war schockiert.

 „So viel Geld für Fleisch auszugeben finde ich irrsinnig!“

Die beiden anderen Geschwister waren offen, zu besprechen, welche anderen Möglichkeiten es gäbe.

„Es gibt gerade eine Aktion bei dieser Ladenkette“

meinte Jerry, das jüngste Kind. Robert, der älteste, war sich nicht so sicher.

„Wir haben es doch schon immer so gemacht, und ich denke, einmal im Jahr können wir gut so viel Geld fürs Essen ausgeben!

Nun klinkte sich der Vater in den Chat ein:

“Ich finde es traurig, wenn ihr an Weihnachten nur billiges Fleisch essen wollt. Gerade für meine Grosskinder! Sie sollen auch gutes Fleisch essen dürfen. Wenn ihr den Truthahn in einer dieser billigen Ladenketten einkauft, dann esse ich diese Weihnachten vegetarisch!“

Mit dieser Aussage stockte der Redefluss in der Chat-Gruppe. Die Kinder kannten ihren Vater und wussten: Für ihn war seine Meinung die einzige, die zählt. Wer sich ihm nicht unterordnete, war rebellisch, aufmüpfig und würde mit Verachtung bestraft. Weihnachten würde mit dieser negativen Stimmung gefüllt sein. Schliesslich nahm Jerry seinen ganzen Mut zusammen und erklärte dem Vater freundlich wieso es ihnen als Geschwister egal wäre, welches Fleisch sie essen würden und dass ihnen vor allem die Gemeinschaft, das beisammen sein, wichtig sei.

Ein paar Stunden später schrieb die Mutter eine private Nachricht an Jerry und klagte ihn an, weil sein Vater wegen seiner „genervten  Antwort“ in ein depressives Loch gefallen sei. Sie fände das gar nicht richtig, dass seine Kinder so mit ihrem Vater umgingen. Er habe es doch nur gut gemeint und sei für seine Grosskinder eingestanden.

 

 Ich nannte stichwortartig die acht Regeln einer auf Scham basierenden Familie: 

  1. Kontrolle
  2. Perfektionismus
  3. Beschuldigen = Vorwurf = Kritik
  4. Verleugnung
  5. Keine Verlässlichkeit
  6. Es wird nicht zugehört
  7. Das Unvermögen, Konflikte zu bewältigen
  8. Disqualifizierung

 Hier kannst du mehr über die ersten vier Punkte nachlesen.

 Gehen wir nun zu den Punkten  5-8: 

5.Keine Verlässlichkeit 

In Scham basierenden Verhältnissen existiert keinerlei Verlässlichkeit und Beständigkeit in Beziehungen. In einem schamgebundenen System, in dem Beziehungen auf einem unreifen Niveau bleiben, lösen sich die einzelnen Personen immer wieder aus ihren emotionalen Bindungen heraus. Manchmal wird diese Loslösung durch ein tiefes, starkes Schamgefühl motiviert:

 „Ich bin es nicht würdig oder mein Verhalten war zu unangemessen, um in Kontakt zu bleiben“.1

 In der Geschichte erklärte Nicola seinem Vater freundlich und klar, weshalb es für die Geschwister keine Rolle spiele, wenn der Truthahn von einem günstigeren Ort komme und dass die Gemeinschaft an Weihnachten der springende Punkt sein, unabhängig von der Qualität und dem Preis des Fleisches. Die Nachricht war nicht dazu gedacht, ihn zu beleidigen. Er wollte ihm nur seinen  Standpunkt (der auch dem seiner Geschwister entsprach) aufzeigen. 

Die emotionale Achterbahn der Stimmungsschwankungen seines Vaters war nicht etwas, was er erwartet hatte.  Aber wie schon beschrieben, konnte der Vater mit der Realität, dass sein Sohn eine eigene Meinung geäussert hatte, nicht umgehen. Dies nicht nur, weil er die Situation kontrollieren (siehe Punkt  1) wollte. Nein, auch die einfache Tatsache, dass seine Kinder anderer Meinung sind, verursachte in ihm ein schmerzhaftes Gefühl der Scham, so dass er sich unwürdig und beschämt fühlte.

6.Es wird nicht zugehört 

Familienmitglieder sind so defensiv, dass sie abwesend sind, wenn andere sprechen. 2 Es fehlt die Offenheit und Verwundbarkeit, um zuzuhören, was der andere wirklich zu sagen versucht. 

Wie wir in der Geschichte auf eine beeindruckende Art und Weise sehen konnten, wurde hier nicht zugehört. In Familien die von Scham geprägt sind, ist diese Regel an der Tagesordnung. Es geht hier nicht nur um die fehlende Fähigkeit, richtig zu kommunizieren. Es geht viel mehr um die innere Haltung und Wahrnehmung, die es unmöglich macht, wirklich zuzuhören und zu verstehen, was der andere sagt.

An einem Ort, an dem  jeder defensiv seine Meinung äussert, fehlt es an der Offenheit und Verwundbarkeit, dem anderen wirklich zuzuhören und den anderen zu verstehen.
Der Vater hörte nicht die objektive Nachricht:

„Wir sind uns nicht sicher, ob wir wirklich den Truthahn  an einem Ort kaufen wollen, an dem der Preis 10x höher ist.“

Was er hörte war:

„Ihr seid wirklich blöd, dass ihr bis jetzt so viel Geld für Fleisch ausgegeben habt. Und du bist unwürdig und defektiv, deine Meinung ungültig und du als ganze Person bist ein Versager.“

Durch das Inkrafttreten des Punktes 4 „Verleugnung oder Verweigerung der 5 Freiheiten“ ist es ihm aber unmöglich, diese Gefühlte und Gedanken zu erkennen und konstruktiv damit umzugehen.

Wie Bradshaw erklärt:  2a

„Die expliziten Regeln in einer dysfunktionalen Familie sind diejenigen der schwarzen Pädagogik. Eltern werden dysfunktional aufgrund dieser falschen Regeln, die in ihrer eigenen Psyche eingebettet sind. Auf diesen Regeln beruht die Haltung der Eltern zu sich selbst. Ohne sie zu hinterfragen oder zu aktualisieren, geben sie diese an ihre Kinder weiter.

7.Das Unvermögen, Konflikte zu bewältigen

In der Familie mit einer Dynamik von Scham ist es üblich, dass Meinungsverschiedenheiten jahrelang ungelöst bleiben.3

 Nicola wusste: In seiner Familie wurde jedes „Vergehen“, sei  es noch so klein, immer wieder abgerufen und erwähnt. Er wusste von vielen Geschichten die sich manchmal vor Jahrzehnten zugetragen hatten und die noch heute erzählt wurden. Mit dem gleichen Groll und den gleichen starken Gefühle, als wenn diese gestern passiert wären.
Für ihn war es klar dass seine Eltern ihm diese Geschichte sein Leben lang  vorhalten würden.

8.Disqualifizierung

 „Wenn du in respektloses, beschämendes, beleidigendes oder zwanghaftes Verhalten verfällst, erfinde eine Ausrede; benutze Disqualifikation und Verleugnung, um die Situation anzupassen oder zu vertuschen.“ 4

Wenn ein Elternteil auf eine Weise handelt, die gegen die Familienwerte verstößt; wenn zum Beispiel ein Kind viel zu hart diszipliniert wird, weil das Elternteil die Kontrolle über sein Temperament verlieret, wird das Familiensystem durch die Botschaft erhalten, dass das Kind diese Reaktion gesucht hat. Oder auch, dass es einfach ungezogen sei und „Nach einer harten Hand verlange“. In ihrem Buch erklärt Isabelle Filliozat „wie die Mutter „nicht schuldig“ plädiert, denn sie ist das Opfer ihres Kindes. „Du bist frech und stur.“ Das verängstigte Kind hat keine andere Wahl, als ihr zu glauben.“5

Diese 8 Regeln der schamgebundenen Familie können uns helfen, zu verstehen, was in unseren eigenen Familien falsch gelaufen ist – welche Realität und welche Gefühle unsere Gegenwart geprägt haben. Sie dienen auch dazu, uns auf die Präsenz der Scham-Dynamik in den unterschwelligen Gefühlen und in der Geschichte der Familie oder der Person, die wir beraten, aufmerksam zu machen. 

Im nächsten Artikel werde ich, wie versprochen, auf ein Diagramm zu sprechen kommen, das uns helfen wird, zu erkennen, wo wir stehen und wie wir uns von dort in Richtung „gesunde Familie“ bewegen können.

1 Fossom/Mason, Facing shame, 1986, p.99
2 J.Bradshaw, la famille, 2004, p.132
2a J.Bradshaw, la famille, 2004, p.129
3 Fossom/Mason, Facing shame, 1986, p.100
4 Fossom/Mason, Facing shame, 1986, p.103
5 I.Filliozat, Il n’y a pas de parent parfait, 2008, p.75

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