Kinder und Technologie – verhindern oder fördern? 3.Teil

von | Apr 7, 2019 | Erziehung, Familienleben | 0 Kommentare

Wie wir in den letzten beiden Artikel gesehen haben, geht es beim Thema „Medien und Kinder“ um mehr als Kompetenz. Es geht um Mündigkeit.
Im ersten Artikel haben wir einen genaueren Blick darauf geworfen, was das Wort Mündigkeit wirklich bedeutet. Der zweite Artikel hat aufgezeigt, wie wir unsere Kinder auf dem Weg in diese Mündigkeit hinein unterstützen können.
In diesem Artikel werden wir nun darauf eingehen, wie ein praktischer Alltag unter diesen Erkenntnissen aussehen könnte.

Referentin Angela Indermaur nahm uns mit in den Alltag mit Kindern im Teenager-Alter. Sie gab uns Einblick in die Art und Weise, wie sie erfolgreich mit dem Thema Medien umgehen lernen können.

Nachdem wir im ersten und zweiten Teil des Vortrages viele interessante Informationen und Erklärungen rund ums Thema Medien und Kinder erhalten hatten, waren wir gespannt darauf, zu hören, wie solche Alltagssituationen aussehen könnten.
Mit viel Humor beschrieb Angela ihre ersten Erfahrungen zum Thema, als ihre älteste Tochter mit 12 Jahren ihr erstes Handy bekam und wie sie als Elternteil mit den Realitäten der kindlichen (un) –Mündigkeit konfrontiert wurde.

Sie beschreibt:

„ Handynummern wurden ausgetauscht, Spiele heruntergeladen, Whatsapp lief heiss, Filme wurden geschaut.“

Wir waren damals ziemlich blauäugig, als wir unserer 12-jährigen Tochter ein Smartphone in die Hand drückten. Wir dachten, dass sie im Sommer, wenn sie in die Stadt zur Schule geht, eines brauchen würde, und wir wollten sie damit überraschen.

Wir wussten noch nichts davon, dass der vernünftige Umgang mit einem Handy mit Reife zu tun hat, und auch nicht, dass Medienmündigkeit nicht durch Übung und Umgang mit Medien, sondern vielmehr mit breiten, praktischen Erfahrungen – sprich: solchen in der realen Welt – erreicht wird. Dies sind die beiden Dinge, auf die es wirklich ankommt: persönliche Reife und Medienmündigkeit.“

Nach dieser ersten Erfahrung hatten sie dazugelernt, und konnten ihre Erfahrung und ihr vertieftes Verständnis bei ihren beiden anderen Kindern anwenden.

Wie sie heute mit diesem Thema umgehen, hat sie uns im Rahmen des Vortrages weitergegeben.

„Unser zweites Kind war bitter enttäuscht, als es erfuhr, dass wir ihm nicht mit 12 Jahren ein Handy in die Hand drücken würden. Es verstand aber unsere Erklärung, dass wir nicht – im Namen der „Gerechtigkeit“  – denselben Fehler nochmals machen wollten.
Als Kompromiss hatten wir dafür ein paar Monate später ein Terrarium mit einer Schlange im Haus – etwas was sich dieses Kind auch schon sehnlichst gewünscht hatte!„

Wie der Familienalltag aussehen könnte

Es ist wichtig, die Rahmenbedingungen (möglichst früh) festzulegen.

Angela erklärte uns, wie man dies mit einem Handyvertrag erreichen kann, noch bevor das erste Handy hier ist. Folgende Punkte könnten dabei festgelegt werden:

  • Handys, Tablets und PCs sind im Wohnzimmer
  • Am Abend wird ab einer gewissen Zeit das WLAN ausgeschaltet.
  • Es werden keine Fotos von sich rauf geladen, auch nicht als Profilbild, dies bis zum Alter von 18 Jahren.
  • Die Eltern haben Zugang zum Handy. Dazu wird der Code in die Agenda der Eltern eingetragen – Schliesslich unterschrieben sie ja den Handyvertrag und ihre ID wurde dazu gebraucht.
  • Aus dem gleichen Grund dürfen Apps nur mit Bewilligung der Eltern heruntergeladen werden.
  • Handys brauchen auch Ferien – kein Handy wird in die Ferien mitgenommen.
    (Zum Fotografieren gibt es auch Fotokameras, zum Musik hören Ipods oder andere digitale Geräte für diesen Zweck)
  • Unter 16 Jahren gibt es nur Prepaid Abonnement, unter 18 Jahren keine Flatrate.
  • Mahlzeiten sind Handy-freie Zeiten.
  •  

Diese Punkte können individuell nach Bedürfnis und Gutdünken angepasst werden. Auf dem Internet lassen sich verschiedene Handy-Verträge finden, die gute Ideen zu einer angepassten Benutzung geben. Hier, hier und hier findest du ein paar Beispiele eines solchen Vertrages.

 „Doch was, wenn das Kind im Rahmen der Schule ein Handy braucht? Immer mehr Klassen haben einen Klassenchat. 

Oder was, wenn Kinder nach Sommerlagern mit ihren neuen Freunden per Whatsapp in Kontakt bleiben möchten?
Was, wenn ein Kind zum Aussenseiter wird, weil er wichtige Infos verpasst oder „nicht dazu gehört“?

Wichtige Fragen, die sicher keine Eltern und Kinder kaltlassen!

Angela Indermaur legte uns als Lösung die Idee nahe, WhatsApp auf einem Tablet (das sich im Wohnzimmer befindet) zu installieren. So verpasst das Kind keine wichtigen Mitteilungen und braucht dennoch kein eigenes Handy mit Internetzugang.

„Verschiedene Wege führen zum Ziel. Manchmal muss man einen individuellen Weg ausfindig machen“

betont Angela Indermaur.

Im Buch „Heute mal Bildschirmfrei“ wird diese Frage aufgegriffen, ob ein Kind ausgegrenzt und gemobbt wird, wenn es nicht rund um die Uhr das Handy benutzen darf – oder noch brisanter: Wenn es gar keines besitzt.

„ Für jüngere Kinder ergibt der Stand der Forschung ein klares nein. In Fall älterer Kinder gilt es, sensibel auf einzelne Situationen einzugehen. Aber: „Wer aus Angst vor Ausgrenzung seinem Kind ein Smartphone kauft, lässt es vom Regen in die Traufe rutschen“. (S.232)

Denn ein Kind das ausgegrenzt und gemobbt worden ist, wird nicht auf einmal, nur weil es jetzt auch ein Handy hat, „dazugehören und beliebt sein“.  Die Chance, dass ein Kind, das in der Realität gemobbt wurde, später im Cyberspace gemobbt und ausgegrenzt wird, sind sehr hoch.
Dies hat eine spanische Studie über Risiko- und Schutzfaktoren bei Cybermobbing untersucht und kam zum Schluss:  Als Ursache steht an erster Stelle, dass ein Kind bereits in der Schule Opfer von Mobbing geworden ist (reale Welt!).
Dann folgen erst Ursachen, die mit der virtuellen Welt verknüpft sind: An zweiter Stelle steht die Nutzung von Messenger–Diensten und an dritter Stelle ein riskantes Verhalten im Internet. (…) Vor diesem Hintergrund identifizieren die spanischen Wissenschaftler einen wichtigen Schutzfaktor: Stabiles Selbstvertrauen.

Günter Steppich, Beauftragter für Jugendmedienschutz in Hesse, sagt dazu:

„Kinder sagen doch immer zu ihren Eltern: Das haben aber alle! (…) Es wird immer wieder von Erwachsenen als Argument hervorgebracht, dass Kinder ohne Smartphone gemobbt würden. Völliger Unsinn. Mobbing hat ganz andere Ursachen als Statussymbole (,..) Ich kann eher vorbeugen, indem ich mein Kind stark mache und ihm klarmache, dass man keinen Respekt dafür bekommt, immer der Herde hinterherzurennen.„(S.234)

Somit sind wir wieder beim Thema angelangt: Medienkompetenz ist nicht das, was unseren Kindern eine Verheissungsvolle Zukunft verschaffen wird.
Es geht um sehr viel mehr.

Nur eine Mündigkeit, die „offline“ erzeugt wird, kann ein Kind für die Welt der Medien vorbereiten.
Weder eiserne Kontrolle noch grenzenlose Förderung unserer Kinder im Bereich der Medien wird je die Bindung ersetzen können, die wir zu unseren Kindern aufbauen.

 

Mündigkeit + Bindung = Medienbereitschaft

Literatur zum Thema:

Medienmündig: Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen lernen – geschrieben von Paula Bleckmann

 Heute mal bildschirmfrei – geschrieben von Paula Bleckmann und Ingo Leipner
Unsere Kinder brauchen uns – geschrieben von Gordon Neufeld. Kapitel Kinder im digitalen Zeitalter, erweiterte Neuauflage

Hilfe, wir sind offline! Komödie, auf YouTube zu finden.

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